Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Katheder und Kanzel [Rezension]
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 285 (sequence 1)
- Language
- German
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Katheder und Kanzel Lessings Satz, daß „zufällige Geschichtswahrheiten der Beweis von notwendigen Vernunftswahrheiten nie werden können", birgt gefährliche Fehlerquellen in sich: Der Begriff des „Zufälligen" in der Geschichtswissenschaft gibt dem subjektiven Urteil die Möglichkeit einer Wertung und Rangordnung von Tatsachen, die leicht vom Wege objektiver Erkenntnis ab- und in das schwer entwirrbare Dickicht einer bewußt oder unbewußt wunschmäßig bestimmten „romantischen" Geschichtsdarstellung hineinführt. Es liegt im Wesen der Religionsgeschichte, daß gerade bei ihrer Erforschung und Darstellung die Begriffe „zufällig und wesentlich" häufig eine nicht streng objektive Beurteilung erfahren. Die Grenzen der Möglichkeit einer absolut objektiven Geschichtsdarstellung zeichnen sich hier besonders klar ab. Deshalb muß aber auch gerade diese Erkenntnis dazu führen, nach Möglichkeit die „Grenzen zu respektieren" und alles zu vermeiden, was zu einer, wenn auch ungewollten „Grenzverletzung" führen kann. Es steht im engsten Zusammenhange damit, daß das Judentum in seiner religionsgeschichtlichen Entwicklung gerade von Seiten nichtjüdischer Religions- und Kirchengeschichtler eine nicht immer objektive Beurteilung im Sinne Rankescher idealistischer Geschichtsschreibung erfahren hat. Ganz besonders gilt dies für die Auffassung und Darstellung des Judentums zur Zeit der Entstehung des Christentums. Zu diesen Gedanken wird man wieder geführt, wenn man das von seiner Tochter liebevoll gezeichnete biographische Bildnis Adolf von Harnacks betrachtet*), des meisterlichen Darstellers christlicher Kirchengeschichte und des auf dem Boden des Griechentums entstandenen christlichen Dogmas, des verehrten Lehrers, des Organisators „wissenschaftlichen Großbetriebs" in Deutschland, des Mannes, den Leistungen, Lebenserfahrung und Gesinnung dazu verpflichteten, zu den seine Zeit bewegenden Gedanken Stellung zu nehmen. Auf dem Hintergrunde dieser Zeit, die auf allen Lebensgebieten des Staates und des Einzelnen nach neuen Formen sucht, entsteht die Gestalt Harnacks, dessen Wesen E. Troeltsch in der Festgabe zu seinem 70. Geburtstag wohl am besten und prägnantesten charakterisierte: „Harnack, das ist noch die Aristokratie der Wissenschaft, die strengste Forderung an Methode und Leistung mit erlesener Feinheit des Geistes und freundlich mitteilendem Lehrbetrieb, wissenschaftliche Vornehmheit mit einem menschlich gütigen Sinn für alle praktischen Angelegenheiten verbunden/' Als Harnack im Wintersemester 1399/1900 vor überfülltem Auditorium für Hörer aller Fakultäten seine Vorlesungen über „Das Wesen des Christentums" hielt, leitete ihn der Wunsch, „in der Öffentlichkeit Rechenschaft abzulegen über das, was Christentum sei, und zwar in einer positiven Form". Diese Zweckbestimmtheit, besonders in der Zeit *) Agnes von Zahn-Harnack: Adolf von Harnack. Berlin 1936. 285