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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 283

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Ein Dichter in der Werkstatt [Rezension]
Date
1936-09-01
Page
283 (sequence 2)
Language
German
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Str. 3, ZA— 3: Wendet Euren Blick zu Mir, Sendet Boten durchs Revier, Rufet flugs, was eurer Art ... jetzt: Weitet euren Blick zu Mir: Schreitet- Botendurchs Revier Rufet auf was eurer Art- Str. 4, Z. 1—2: Preist der Leiden dunkles Jahr, Reißt euch los und macht euch bar jetzt: Preiset eurer Leiden Jahr- Reißet los euchmacht euch bar Str. 5, Z. 1—2: Füllt die Herzen bis zum Rand, Hüllt euch, gürtet das Gewand, jetzt: Füllet füllt das Herz zum Rand- Hüllet euchschürzt das Gewand- Str. 6, Z. 1: Schürft in Meiner Satzung Schacht, Schlürft den Wein der Wundernacht, jetzt: Schürfet schürft in Meinem Schacht Schlürfet Wein der Wundernacht- Hier, so scheint es uns, könnte man aus jedem Wort und aus jeder Silbe lernen, wie die endgültige, ganz strenge Form des Gedichtes sich allmählich hindurchringt, alle fremderen Beiwörter mit Gewalt abwirft, um zu der schon in der ersten Zeile der ersten Strophe angelegten Doppelmahnung zu kommen: Bindet bindet Euch ans Wort! Dabei entsteht einmal noch (Str. 3) durch die Änderung „Schreitet- Boten" ein überraschend neuer — der eigentliche! — Sinn aus dem fast herkömmlichen „Sendet Boten. ." der ersten Fassung. Ähnlich nachtwandlerische Zielsicherheit atmen die spärlichen, aber wichtigen Änderungen der andern Gedichte, auf die hier aus Raummangel leider nicht eingegangen werden kann. (Vgl. die vielsagende Wort-Wandlung S. 48, Str. 2, Z. 3: Dort wird aus „Müßt" das Wort „Lernt" — fast ein Selbstbekenntnis des Dichters.) — Endlich die Umstellung in dem Aufbruch-Gedicht II (Str. 6, Z. 3), statt: Holt aus und freit, / Die Ferne freit! Jetzt: Holt aus befreit! Denn erst die Hoffnung auf die Freiheit ist der Kern dieses furchtlosen Wanderrufes. Solche Freuden erlebt der, dem es einfällt, einmal — nach der Weise unsrer Alten — einen Dichter zu „lernen". * Deutlicher noch wird uns — nicht das Ziel, aber der Weg dieser Dichtungen, wenn wir das fast gleichzeitig erschienene „Erweiterte Werk" Wolfkehls „Die Stimme spricht" betrachten. Hier erscheinen neben einem Vorspruch sechs neue Gedichte, die den Charakter der ganzen Sammlung als einer religiösen umschreiben. Die Stimme spricht von neuem — nun aber nicht mehr nur „am Seder", dem Aufbruch unsres Volkes, sondern „am Jom-Hakippurim", dem Aufbruch der Seele zu ihrem Gott. Und das letzte Wort des Rückkehrenden ist nun — fast wie in einem von den Piutim aus dem Jomkippur-Machsor — der Ergründung des unerforschlichen göttlichen Wesens geweiht. Ein Volk kehrt zurück — gewiß; aber nicht ein Volk „wie alle andern Völker". Sondern Gottes Volk ist es, das aus innerer Fremde zu seiner Heimat zurückkehrt. B. B. St. 283

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