Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Ein Dichter in der Werkstatt [Rezension]
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 282 (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Dichter in der Werkstatt, Zu der Neuausgabe von Wolfskehls Gedichten „Die Stimme spricht". (Sdiocken-Bücherei Nr. 17) Nicht nur der Literaturforscher, — jeder Freund künstlerischer Gestaltung weiß das seltene Glück zu schätzen, das uns hin und wieder vergönnt, die allmähliche Gestaltung eines Kunstwerks aus nächster Nähe zu beobachten. Es ist fast, als ob man den alten Rodin noch einmal in seinem Atelier hätte besuchen und zusehen können, wie die lebenden Gestalten aus dem rohen Stein wachsen. Ein ähnlicher Genuß ist uns jetzt in der neuen Ausgabe der Wolfskehlschen Gedichte in der Schocken-Bücherei bereitet, wenn wir dies neue Bändchen — es sieht von außen dem früheren fast so gleich wie ein Zwiliingsbruder dem andern — mit der ersten Ausgabe vergleichen. Freilich, auf den ersten Blick scheint die Erwartung zu enttäuschen. Wir schlagen das Inhaltsverzeichnis auf: da sind sie wieder, die uns schon vertrauten Gedichte, die unterdessen mit flammenden Zungen zu vielen Herzen gesprochen haben — keins mehr und keins weniger; nur daß einige Male die Gedichte ihre Überschriften — nicht verändert, sondern nur verdeutlicht haben. („Die Stimme spricht" II. und III. hat in der zweiten Ausgabe zugleich die ersten Worte der Botschaft in den Titel aufgenommen, und das vieldeutige „Und dennoch" heißt jetzt klar und sicher wie im Liede selbst „Und dennoch sind wir da!") Schon in diesen scheinbar unwichtigen Wandlungen — wie denn in der Kunst wie im Leben nichts unbedeutend ist — zeigt sich der Drang zur schärferen Ballung, zur deutlicheren, unvergeßbaren Formung. Und es scheint uns, daß wir bei jeder wieder nur scheinbar geringfügigen Änderung im Texte die gleiche Beobachtung machen. Da ist zunächst das „lebendige Kleid" der Lieder, das sich ein wenig gewandelt hat. Statt der allgemein in der Prosa üblichen Interpunktion, wie die erste Ausgabe sie zeigte — Punkt, Komma, Strichpunkt — ist der halbhohe Punkt an Stelle des Kommas getreten, der uns an die Nachbarschaft des George-Textes in seiner harmonischen Würde erinnert. Von den sparsamen, aber in jedem Falle höchst bedeutsamen Textänderungen des Dichters, die in ihrer Gesamtheit fast eine Poetik ergeben könnten, sei hier nur der Weg eines Gedichtes verfolgt — weil hier die Wandlungen am deutlichsten Weg und Ziel dieser seltenen Gebilde erkennen lassen, die wie die späten Blüten der Aloe scheinbar plötzlich an einem wetterharten Stamm noch aufgebrochen sind. Das ist das Gedicht „Die Stimme spricht am Seder", dessen neuer Titel uns schon zeigte, welche Aufmerksamkeit der Dichter nun seiner Ursprungs-Situation zugewendet hat. Es ist das zweite der Sedergedichte, die aus dieser „Nacht der Bewahrung" nun die „Wundernacht", die Schicksalsnacht des Jüdischen Volkes gemacht haben. Da heißt es in der Erstausgabe (S. 18) Str. 2, Z. 1: Haltet der Bereitschaft Mahl jetzt: Haltet, haltet Euer Mahl 282