Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Zu Dunin Borkowskis Spinoza-Denkmal [Rezension]
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 278 (sequence 3)
- Language
- German
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David Baumgardt: Zu Dunin Borkowskis Spinoza-Denkmal In diesem Zusammenhang sei auch einer kleineren Arbeit Dunin Borkowskis gedacht, die er schon zum letzten Spinozajubiläum 1982 veröffentlichte. Dieses zierliche Bändchen „Spinoza nach 3oo Jahren" gibt sich äußerlich fast als populäre Vorschau auf das große Hauptwerk, das bis heute erst zur Hälfte publiziert werden konnte. In Wirklichkeit aber ist auch diese kleine Schrift des großen Spinozakenners überall von komplizierten und von erlesenen Gelehrsamkeiten umpanzert. Zwischendurch wird liier z. B. gewissenhaft, an der Hand von entlegenem historischem Material, geprüft, ob die Versteigerung von Spinozas Bibliothek einen für jene Zeit guten Ertrag hatte, und dabei werden sogar allerhand Kleider- und Lebensmittelpreise des späten 17. Jahrhunderls zur Vergleichung herangezogen. Auch allgemeinste Fragen der Philosophie Spinozas werden verschiedentlich in elementarer Form aufgegriffen, z. B. das Problem des Zusammenhangs zwischen Substanz und Attributen. Aber dann mündet auch diese sehr geistvolle Auseinandersetzung in eine gelehrte Polemik mit dem sonst übrigens besonders hochstehenden Spinozakommentar von Lewis Robinson, wie dies ebenso bei den meisten cnlsprechen- Erörterungen der Schrift der Fall ist. Auch die feinsinnigen Einwendungen gegen Spinozas Theorie von Gottes Unveränderlichkeit und Freiheit oder von den Voll- und Teilerkenntnissen endlicher Wesen führen schnell in eine für den Laien im allgemeinen zu differenzierte, zu sublime Problematik. Umgekehrt aber wird man einen anderen, besonders anschaulich gehaltenen Versuch, die Geistesart Spinozas aus portugiesischem Wesen zu verstehen, gerade von jüdischer Seite heute nur wenig geglückt finden können. * Am 1. Mai 193/» ist Dunin Borkowski gestorben. Zu diesem Zeilpunkt war ein neuer Band seines großen Spinoza-Werks bereits im Druck und ist dann ein Jahr später erschienen (Spinoza III: Aus den Tagen Spinozas. Zweiter Teil: Das neue Leben). Dunin Borkowski glaubt, daß um das Jahr 1660/61 dem Philosophen sein neuer Lebensplan klar gewesen sei. Und ebenso, wie er früher von einem solchen Kernpunkt jeweils den Ursprung der Position aufsuchte, sie genauestens bestimmte, in ihre Zeit einordnete und ihre Weiterwirkung aufzeigte, so wird auch hier in Querschnitten Idee und Wirklichkeit dieses neuen Lebens mit letzter Genauigkeit erhellt, ohne die Bewegtheit und Fülle dadurch zu vernichten. Der Alllag des holländischen bürgerlichen Lebens wird dargestellt, der Umkreis abgesteckt, den das Streben nach Wahrheit sich zum Revier gemacht, Methode und Ziel der philosophischen Wahrheitsforschung umrissen und ihre über das Philosophische hinausgehende Bedeutung (Freiheit des Denkens — Toleranz) in allen theologischen und politischen Auszweigungen verfolgt. Dunin Borkowski ist weit von der Anstrengung einer heute oft übertrieben angewendeten problemgeschichtlichen Methode entfernt. Er legt nicht nur eine eindeutig bestimmte Linie frei. Er stellt aus unwahrscheinlicher Belesenheit und Kenntnis heraus die Fülle auch der entferntesten Möglichkeilen und Analogien vor; und es erscheint ein imposantes Mosaik — das Bild Spinozas, ein Bild von Leben und Denken des Philosophen, beleuchtet, klargestellt und abgegrenzt von allen seinen zeitlichen und geistigen Umgebungen aus. Wir erwarten mit Ungeduld den Schlußband, den Dunin Borkowski hinterlassen hat. F. B. 278