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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 276

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Zu Dunin Borkowskis Spinoza-Denkmal [Rezension]
Date
1936-09-01
Page
276 (sequence 1)
Language
German
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David Baumgardt: Zu Dunin Borkowskis Spinoza-Denkmal Es ist eine Selbstverständlichkeit, die außerdem im Gegensatz zu anderen Selbstverständlichkeiten heute bereits allgemein anerkannt ist: wer innerhalb einer religiösen oder sonstigen Tradition lebt, kann ihre intimeren Manifestationen durch seine natürliche Verbundenheit mit ihnen viel leichter und getreuer erfassen als der Außenstehende. Wir Juden aber haben allen Grund, auch das Umgekehrte zu gestehen. Z. B. hat die große protestantische Theologie des 19. Jahrhunderts es zwar oft an synthetischem Feingefühl für die innerste Eigenart des alttestamentlichen Schrifttums fehlen lassen — das räumen heute viele ihrer Nachfahren selbst ein —; aber wir Juden haben trotzdem dem analytischen Scharfblick dieser internationalen Bibelkritik Außerordentliches zu danken. Ähnlich und sogar noch eigenartiger steht es mit der nicht jüdischen Spinozaforschung. Fast alle die führenden christlichen Denker Deutschlands haben sich viel leidenschaftlicher für den großen Amsterdamer Pantheisten eingesetzt als die Juden. Und nun hat ein deutscher Gelehrter auch die umfänglichste historische Darstellung Spinozas entworfen, die die ungeheuer weitläufige Spinozaliteratur bisher kennt. Der Jesuit Stanislaus von Dunin Borkowski veröffentlichte schon 1910 ein sehr umfassendes Werk „Der junge de Spinoza", das die geistige und natürliche Umwelt ebenso wie die Entwicklung des jungen Philosophen mit einer Überfülle von Seitenblicken nur bis zum Tag seiner Verbannung aus dem Judentum schildert. Dann widmete der seiner äußeren und inneren Erscheinung nach ungemein feinsinnige Gelehrte fast seine ganze siebzigjährige Lebensarbeit neben pädagogischen Studien der Ausfeilung dreier weiterer großer Bände über Spinoza, zu denen er überdies noch mehrere kleine Veröffentlichungen als Vorspiel erscheinen ließ: z.B. Abhandlungen im Chronicon Spinozanum ab 192 1, in der amerikanischen Catholic Encyclopaedia und in. der Spinoza-Festschrift der kaiserlichen Universität Tokio. Der jetzt zunächst vorliegende 2. Band des großen Hauptwerks wurde 1933 publiziert (im Verlag Aschendorff, Münster i. W.); und er ist ein vielleicht einzigartiges Kuriosum insofern, als er auf 5oo großen Seiten nur von einem Entwicklungsjahr Spinozas spiicht, von dem Entscheidungsjahr 1G07. Dunin Borkowski bezeichnet es nicht mit Unrecht als eine „kleinstädtische Voreingenommenheit", wenn man die Ureisenhcil eines Genies durch den Einstrom vieler fremder Ideenflüsse gefährdet glaubt. Spinoza hat zwar Gedanken seiner Zeit nur in relativ geringer Zahl einfach übernommen. Aber er hat sicher unendlich viel mehr Problemmotive seines Jahrhunderts kritisch geprüft und kritisch verwertet, als man aus seinen knappen Formeln auf den ersten Blick vermuten könnte. Und Borkowski gibt nun eine ungewöhnlich sorgfältige Durchmusterung der ganzen philosophischen, theologischen, aber auch der naturphilosophischen, der historischen, der politischen und sogar der religiös-chiliastischen Schwärmer- 276

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