Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Aus der Umwelt der Bibel
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 272 (sequence 3)
- Language
- German
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Olga Bloch: Aus der Umwelt der Bibel und Amulette aus Feuerstein und Obsidian reichen zum Teil fast bis in seine Zeit hinauf und geben einen Begriff von den Formen frühen Totemdienstes, aus denen er sich löste, um sich seinem Gotte zu weihen. In Abrahams Heimat würde auch die früheste Form der Schrift auf Tontäfelchen gefunden, aus der sich die sumerische Keilschrift entwickelte, die um 3000 v. für uns entzifferbar wird. Das aus dem Norden stammende Eroberervolk der Kassiten hatte fast fünf Jahrhunderte in Mesopotamien die Macht Und nach ihnen heißt im selben Saal die „kassitische" Front, d. h. die Eingangswand zu einem zweitausend Jahre jüngeren Tempel, dessen Figurenwelt Unterschiede in den Gesichtern und der Haartracht deutlich werden läßt. Ein altsumerischer Frauenkopf zeigt nichtsemitischen Typ im Gegensatz zu dem akkadischen Typ, der heute als semitisch erkannt ist. Eine Sammlung von Roll- und Tonsiegeln, scharf geschnitten, bewahrte Königsnamen, Grundsteindokumente, Verträge auf. An die assyrische Gefangenschaft erinnert der Gipsabguß des Obelisken, der die Taten des Königs Salmanasser III. (um 830 v.) in Inschriften und Reliefs schildert; darauf erscheinen gebeugt, schutzflehend, mit Geschenken beladen, die Abgesandten des Königs Jehu von Israel, der Joram und Ahasja getötet und den Baalsdienst ausgerottet hat. Ausgrabungen aus Assur selbst geben ein Bild der Königsgruft; Basaltsäulen, große Kalksteinblöcke als Urkunden der Herrscher, Tongefäße vervollständigen den Eindruck dieser aus dem zweiten und dritten Jahrtausend stammenden Kunst. Uns aber interessiert vor allem der Raum des assyrischen Königspalastes aus dem neunten Jahrhundert. An der Türwand zeigen mächtige Orthostaten — senkrecht stehende Platten — Bilder der Könige und Genien. Diese Genien sind geflügelte Wesen, bald adlerköpfig, bald mit Menschenhaupt und bekrönt mit einer Stierkappe. Es sind jene rätselhaften Wesen, von denen die Bibel erzählt, daß sie das Paradies als Wächter hüten nach Adams sündiger Tat. Auf den assyrischen Siegeln sind es geflügelte Cherubim, unerklärliche Wesen, von denen auch die Elfenbeinarbeiten der Königszeit Kunde geben. Die Bibel sagt nicht, wie man sich die Cherubim vorzustellen hat, ob als Menschen oder Löwen, als Stiere oder Adler. Jedenfalls bringen die Mosaiken von Bet-Alpha das Motiv des Vogels als das Symbol der Mütterlichkeit auch bei einer Einzelheit wie den Cherubim. Rahel Wischnitzer-Bernstein konnte darlegen, daß aus Mensch und Löwe, Stier und Adler die Evangelistensymbolc der christlichen Kunst geworden sind. Ausgrabungen aller Nationen wetteifern seit dem Kriege, das Bild dieser vorderasiatischen Kultur weiter zu erhellen. Doch uns kommt es weniger auf Einzelheiten an als auf die überwältigende Möglichkeit, Zeugnisse aus biblischer Zeit klar und greifbar zu sehen, mitten im Berlin des 20. Jahrhunderts. 272