Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 6 (September 1936)
- Article
- Der Stein aus Garten Eden
- Date
- 1936-09-01
- Page
- 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Karl Escher von dem sogenannten Pseudo-Kallisthenes im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung verfaßt wurde. In vielen Handschriften des Alexanderliedes ist in all den Schilderungen der Kriegs- und Liebestaten des Helden, wie ,sie dem Geschmack und den ritterlichen Anschauungen des Mittelalters entsprechen, eine Episode eingeschaltet, die sich durch ihren poetischen Inhalt und durch ihren Tiefeinn von den wilden und unbedenklichen Abenteuern abhebt. Es ist die Sage von dem Stein aus Garten Eden, die in ihrer knappsten Form im Talmud zu finden ist, im Mischna-Traktat Tamid. Während der Talmud die Erzählung nur ganz skizzenhaft wiedergibt — vielleicht weil sie hier die erste Form fand, vielleicht weil sie als allgemein bekannt vorausgesetzt wird —, findet sie sich in der vollen Schönheit des verlorenen hebräischen Originals in einer lateinischen Schrift aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts „Alexander des Großen Reise zum Paradies", die eine alte Fassung der jüdischen Sage wiedergibt. In einer späteren Handschrift aus dem 15. Jahrhundert wird ein RabbiSalomon als Verfasser genannt. Die Erzählung, eine Blüte jüdischer Dichtung, findet sich in deutschen, französischen, niederländischen, hebräischen, äthiopischen und noch vielen andern mittelalterlichen Fassungen des Alexanderromans wieder. Sie ging in die Kölner Königschronik von 1220 ein und wurde durch die Jahrhunderte in Predigtbüchern, Erbauungsschriften und Anekdotensammlungen durch das Abendland und durch den Orient getragen. Neben Alexander tritt darin meist Aristoteles, des großen Königs Lehrer, als Deuter auf. Der letzte, der die Sage vom Paradies-Stein nachdichtete, war Chamisso in seinen Terzinen „Sage von Alexander". Es geschah, daß König Alexander der Mazedonier, der von den Völkern der Große genannt ist, nach der Eroberung des Landes Indien mit seinem siegreichen Heere an einem Strom halt machte, der hieß Physon. Der Fluß war breit und reißend, und die Menschen, die an seinem Ufer wohnten, berichteten dem König, der Fluß Physon entquelle dem Paradies, und überreich an Früchten und Getreide seien alle Lande, die seine Wellen wässern, Jahr um Jahr. Die Häuser aber, in denen die Bewohner des Flußufers lebten, waren mit Blättern bedeckt, so lang und so breit, wie sie? auf keinem Baume wachsen, der in der Erde wurzelt. Um Mittag, wenn das Feuer der Sonne die Blätter dörrte, entströmte ihnen ein Duft, lieblicher als der Duft von Narde und Sandel. Sprach König Alexander zu den Bewohnern des Landes: Wo pflückt ihr die Blätter, die eure Häuser bedecken, von welchem Baum und von welchem Strauch? Sehr lieblich steigt mir ihr Duft in die Nase. 266