Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Die Frauen und die Liebe [Rezension]
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 240 (sequence 2)
- Language
- German
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zum Beispiel wählt, hat ihre besondere Bedeutung darin, daß in ihr zwar keine Kinder vorhanden sind, daß aber eine hohe geistige Fruchtbarkeit dem Bündnis der Beiden eignet: Henriette Breymann, die erst mit 45 Jahren den freisinnigen Politiker Karl Schräder heiratete, ist die Schöpferin des Pestalozzi- Fröbelhauses und eine der bahnbrechenden Personen der modernen Frauenbewegung geworden, vielleicht nicht zum wenigsten durch die Verbindung mit diesem feinsinnigen und starken Mann, der den hohen Wert ihrer selbständigen Entwicklung fühlte. Über die Gültigkeit der Beispiele, die Marianne Weber aus dem problematischen Bereich der mißglückten Ehe und der außerehelichen Liebe gibt, wird mancher seine Bedenken haben. Nicht weniger als vier große Kapitel gewinnt die Verfasserin aus dem Leben Richard Wagners. Sie schildert zuerst das Scheitern der Ehe mit der groben Natur der Minna Planer, dann den steilen aber kurzen Aufschwung der „großen Passion" zu Mathilde Wesendonk, dann „Liebeswagnis, Schuld und Bewährung" in dem so peinvoll entstandenen Verhältnis Wagners zu Cosima von Bülow. Ein besonderes Kapitel wird schließlich noch Cosimas groß geführter „Witwenschaft" gewidmet. Aber es ist klar: so interessant all diese Fälle an sich auch sind, den hohen Wert, den Marianne Weber in ihnen findet, gewinnen sie nur für den, dem das schöpferische Genie Wagners so viel bedeutet wie ihr. Unbedingt bedeutsam ist wieder der Fall „Friedrich Hebbel und Elise Lensing", in dem Marianne Weber ein typisches Beispiel für „Eheersatz" sieht, und nicht minder das Kapitel „Freie Liebe als Abenteuer und Lebensform", das sie nach dem Leben der Gräfin Franziska zu Reventlow zeichnet. Weiter handelt Marianne Weber noch von der „Wahlmutterschaft", die sie an dem schönen Beispiel der Malwida von Meysenburg darstellt, die sich das kleine Töchterchen des Alexander Herzen erwählt und dieses Kind mit solcher Leidenschaft zu dem ihren macht, daß sie nach der Ehe Olga Herzens mit Gabriel Monod noch als die Großmutter und Urgroßmutter der Monodschen Nachkommen innig verehrt wird. Und schließlich wird noch der merkwürdige Fall von Wahltochterschaft geschildert, der Gertrud Bäumer und Helene Lange verband und der zugleich die geistige Kameradschaft einer Führerin mit ihrer Erbin war. So leuchtet die Kraft der Liebe weit umher im Bereich der sozialen Kultur. An der Sprache, die Marianne Weber führt, merkt man ihre Zugehörigkeit zu einem philosophischen Kreise, der der Schule Georges nahestand und der Abstrakta wie „Vernichtigung", „Bewährung", „Sinngebung", „Reifung" usw. vielleicht übermäßig liebt. Aber in dieser etwas kühleren Fassung spürt man doch den herzhaften Anteil einer Frau, die mit persönlichster Hingabe bemüht ist, die großen Dinge im Geiste klar und rein zu erhalten, die allen Menschen wichtig sein müssen — allen Menschen, die guten Willens sind. Julius Bab. 240