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Der Morgen · 1936-08-01 · Heft 5 (August 1936) · p. 234

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 5 (August 1936)
Article
Kulturgeschichte [Rezension]
Date
1936-08-01
Page
234 (sequence 3)
Language
German
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Anschauung, manchmal rechtfertigt sie sich mit den Prinzipien des historischen Materialismus. Die Deutungsversuche Webers verlieren dadurch an Wert; wenn zum Beispiel biologische Gründe für die Kulturentwicklung als entscheidend angesehen werden, dann ist die Interpretation des jüdischen Schicksals, die Weber bietet, gewiß unzureichend, sofern er das Weiterbestehen der Juden durch die „ganz besondere Verbindung in der Berith", durch den mit Gott geschlossenen Bund verstehen will. Denn für die Soziologie ist Gott eine Vorstellung, nicht wie für den Gläubigen eine Tatsache. Zu untersuchen, wie und unter welchen Umständen diese Vorstellung wirksam wird und bestehen bleibt, wäre die soziologische Aufgabe. Sie scheint uns von Weber im Fa'll der Juden ebensowenig wie bei der Deutung der spätantiken christlichen Bewegungen geglückt. Denn auch hier führt er, nachdem das Christentum als zur Weltherrschaft gelangte Religion dargestellt und ein priesterlicher und sakramentaler Magismus als Überbau angesehen wird, Gott als letzten Deutungsfaktor ein. Hätte sich Weber die Aufgabe gestellt, Grenzen der soziologischen Erkenntnis, ja der Erkenntnis überhaupt zu untersuchen oder die historische Welt sub specie aeterni zu betrachten, so könnte man in diesem Verweisen auf Gott den legitimen Ausweg einer starken Seele aus einer unlösbaren Aufgabe sehen. Da Weber jedoch deuten, und das heißt für ihn, Gestalt und Wesen empirisch begreifen, Bewegung und Richtung sozialer Körper erfassen will, sehen wir in seinem Verfahren nur den Ausdruck müder Resignation, die schon bevor überhaupt die wissenschaftliche Analyse begonnen hat, im Anblick der verschiedensten Meinungen einsetzt. Die Auseinandersetzung mit seiner Auffassung verschiedener Kulturen und Epochen, die in den Rahmen einer Fachzeitschrift gehört, können wir uns hier nicht zum wenigsten wegen des Mangels seiner Konzeption an Kraft ersparen. Nur auf einen Irrtum, der für die Ziellosigkeit Webers trotz des am Schluß seines Werks abgelegten Bekenntnisses zur Volksgemeinschaft typisch ist, möchten wir hinweisen: die französische Revolution wird als Ausdruck eines alten von der Antike her lebendigen europäischen Freiheitwollens gedeutet; nicht der Wille einer bestimmten Gesellschaftschicht oder gar einer Klasse mit bestimmten Forderungen drückt sich nach Webers Ansicht im Freiheitsverlangen aus. Daß Weber die verschiedenen Formen der Fundierung des Freiheitswillens in der französischen Revolution nicht sehen will, hat seinen Grund in dem Glauben an die absolute Freiheit des Individuums. Scheint diese absolute Freiheit in der politischen Wirklichkeit niemals ihre adäquate Form zu finden, so wird sie doch in der religiösen Sphäre als möglich erlebt. Wegen dieser in ihren letzten Konsequenzen von Weber nicht ausgesprochenen Anschauung scheint uns. seine Arbeit für einige Strömungen der Gegenwart typisch. Arno Carl Coutinho. 234

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