Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Kulturgeschichte [Rezension]
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 233 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895558-2906305--09083-2906376- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
primären Hochkulturen (Ägypten, Babylonien, China, Indien) und die sekundären Hochkulturen der Antike (Juden, Perser, Griechen, Römer, christliche Antike), die Entwicklung von Morgenland (Islam und Rußland) und Abendland bis zur Gegenwart geschildert Den Anstoß zur Kulturentwicklung sieht Weber in Klimaveränderungen, die die Völker zu Wanderungen veranlassen, und in Begegnungen mit andern Völkern, so daß eine „Durcheinanderschichtung" der Volkskörper entsteht. Mit Pater W. Schmidt nimmt Weber an, daß zuerst viehzüchtende Völker die magische Denkweise der Primitiven überwunden haben und Herren über die Ackerbau treibenden Völker wurden. Denn der Viehzüchter als „Rationalist", als Herr über Herden, war ein herrschaftlicher, staatbildender, die an der Magie festhaltenden Ackerbauvölker zum Gehorsam zwingender Mensch. Auf den von den Viehzüchtervölkern begründeten primären Hochkulturen bauen sich die sekundären Hochkulturen auf: während die Primärkulturen zu einer völligen Eingliederung und Aufsaugung der unterworfenen Völker führen, zeigen die Sekundärkulturen Duldung und Toleranz der siegreichen gegenüber den unterworfenen Völkern. Das von den unterlegenen Völkern geschaffene Kulturgut wird im Gegensatz zu den erfolgreichen Völkern der Primärkultur völlig selbständig von den Eroberern übernommen und umgestaltet. Mit der Oberwindung des magischen Geistes — gewisse Spuren dieser Haltung finden sich auch noch in den gegenwärtigen Kulturen — ist der Weg zur modernen Entwicklung gebahnt. Der Glaube an die Vernunft, der schließlich zur Radikalisierung, zur Auflösung der Gesellschaftsordnung und zum Zweifel an der menschlichen Erkenntnis führt, beschließt die mit der magischen Praxis beginnende Kulturentwicklung des Menschen. Das hier kurz vorgeführte Skelett der Weberschen Darlegungen zeigt, daß der Entwicklungsgedanke, der Lieblingsgedanke des 19. Jahrhunderts, wiederum den Kern soziologischer Analyse der Kulturen bildet und der Gegensatz des Magischen zum reinen Erkennen den Weg der Kultur charakterisiert. Wenn auch Weber dies alte Entwicklungsschema benutzt, glücklicherweise ohne die in der Entwicklungspsychologie besonders üblichen darwinistischen Analogien zu verwenden, so bietet doch die Schilderung der Kulturen, wie auch die Anwendung der soziologischen Methode, hinreichend Gelegenheit zu eigener Leistung. Bei der Darstellung der einzelnen Kulturen war Weber meist auf Forschungen anderer Kulturhistoriker angewiesen, und seine Aufgabe bestand in der Vereinheitlichung ihrer Ergebnisse durch eigene soziologische Analyse. Die Lösung dieser Aufgabe erfolgt unter Anwendung aller möglichen Deutungsmethoden. Aber das ergibt nicht bloß eine Fülle von Perspektiven, die sich aus verschiedensten Fragen einer reichen Natur ergeben, sondern — wie uns scheinen will — auch ein Durcheinander von Standpunkten, die sich aufheben. So stützt sich Webers Deutung manchmal auf religiöse 233