Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Alfred Stern
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 230 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hanns Reissner: Alfred Stern wenn sie es wollten, der innigen Verflechtung ihrer geistigen Erzeugnisse und ihrer materiellen Bedürfnisse nicht entziehen. Die Zeit muß kommen, da zerrissene Fäden wieder angeknüpft, zerbrochene Brücken wieder hergestellt werden. Heute mehr als je ist es eine heilige Pflicht des Geschichtsschreibers, sorgfältig alles zu vermeiden, was diesen Genesungsprozeß hindern oder verlangsamen könnte." Eine bezaubernde Wärme ging von Alfred Sterns Persönlichkeit aus. So zurückhallend seine wissenschaftliche Darstellung sein mochte, so aufgeschlossen war er im Familien- und Freundeskreise. Sein Vater, der Göltinger mathematische Ordinarius Moriz Abraham Stern, verbrachte, selbst hochbetagt, den Lebensabend sieben Jahre lang in der Betreuung des Sohnes. Geistige Kameradschaft und eine chevaleresk fürsorgliche Liebe bis zum Tode verband Alfred Stern mit seiner Gattin. Als sie vor drei Jahren entschlief, war seine Vitalität gebrochen. Vor meinem geistigen Auge steht der Kopf dieses Weisen mit den lebhaften, hellen Augen, umrahmt von einem viereckig gestutzten weißen Bart, der von den Jahren in ihrer ganzen Breite tiefgefurchten Stirn und dem dichlen, in der Mitte gescheitelten, bis auf den Hals herabfallenden weißen Haupthaar. Als ich vor zehn Jahren den damals bald Achtzigjährigen in seinem Züricher Heim aufsuchte, kam er gerade aus der Malthäus-Passion, leuchtenden Auges, tief bewegt. Die hagere Gestalt des allen Mannes im professoralen Rock mit dem altfränkisch steifen, niederen Stehumlegekragen war vom Alter nur leicht gebeugt. Die Unterhaltung begann in einem Besuchszimmer im Erdgeschoß seines Hauses. Zweimal hatte Stern das Gespräch bereits unterbrochen, um aus seinem Arbeitszimmer Literatur herunterzuholen. Schließlich ließ er sich von seiner Gattin zureden, die Unterhaltung doch lieber ganz dorthin zu verlegen. Ein drittes Mal sprang er nun in voller Elastizität vor dem Besucher das Treppenhaus zu der Gelehrtenstube — einem Eckzimmer im Dachgeschoß — hinauf. Noch 1931 erwähnte er, er betätige sich weiter als aktiver alter Herr seines Züricher Kegelklubs. Alfred Stern beschränkte sich nicht auf sein Hauptgebiet, die Slaaten- und Verfassungsgeschichte des Abendlandes seit dem Humanismus. Ein Thema, das ihn einmal erfaßt hatte, beschäftigte ihn unaufhörlich weiter. Der deutsche Bauernkrieg, dem seine Dissertation gegolten hatte, veranlaßte ihn noch im letzten Jahrzehnt seines Lebens zu erneutem Quellenstudium. Shakespeare schenkte ihm immer wieder menschliche und wissenschaftliche Anregung. Nach vielen Richtungen hin unterhielt er freundschaftliche Beziehungen. Alfred Sterns Einführung vermochte einem jungen Studenten aus Deutschland den Zugang zu manchem französischen Gelehrtenhaus zu öffnen. Dem jugendlichen Hörer klang es kaum glaublich, wenn Alfred Stern von den Männern zu sprechen begann, deren Bahn sein eigener Lebensweg gekreuzt hatte. Für seine Kinder hat er 1928 diese Erinnerungen seiner Jugend niedergeschrieben. Wieviel erlebte Geistesgeschichte mag darin enthalten sein, Begegnungen mit Wissenschaftlern wie Helmholtz, Mommsen und Ranke, Polatikern wie Bamberger, Lasker, Johann Jacoby, Max Hirsch, Dichtern und Schriftstellern wie Berthold Auerbach, Spielhagen, Frenzel, Rodenberg. Es sollte eine Ehrenpflicht jüdischer Institutionen sein, Alfred Sterns Jugenderinnerungen einer breiten Öffentlichkeit zu erschließen. 230