Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Alfred Stern
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 229 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Stern stitutionen entsprechen meinen politischen Gesinnungen", heißt es in seiner im Jahre ig32 erschienenen „Wissenschaftlichen Selbstbiografie". Alfred Sterns Eltern stammten aus Frankfurt am Main; sein Vaterhaus war mit „48er" Ideen erfüllt. Gabriel Riesser war ein Freund seines Vaters. Der Historiker Georg Waitz, Riessers Mitstreiter in der Paulskirche, wurde sein eigener akademischer Lehrer, der Sozialliberale Lujo Brentano sein Jugendfreund. Im Jahre 1871, während eines Londoner Forschungsaufenthaltes, begegnete er Gladstone. Geistige und politische Freiheit des Einzelnen, demokratische Selbstbestimmung der Völker war sein Ideal und blieb es in sich wandelnden Zeitläuften. In einer brieflichen Erörterung der Judenpolitik Friedrichs des Großen und Napoleons schrieb er, der Verfasser des Stichworts „Emanzipation" der Encyclopedia Judaica: „Im Grunde handelt es sich bei unserer Differenz um zwei verschiedene Weltanschauungen. Nach der einen heißt es: nur in der Freiheit ist die Selbsterziehung möglich; nach der andern: die Selbsterziehung muß der Freiheit vorangehen." Stern hielt es darin mit Kant: die Freiheit werde dann überhaupt „nie eintreten, denn man kann zu dieser nicht reifen, wenn man nicht zuvor in Freiheit gesetzt worden ist". Die Liebe zum deutschen Geiste, das Bekenntnis zum Judentum und die Treue der Idee der Freiheit gegenüber hat Alfred Stern in einen seine Zeit bezeichnenden Zusammenklang zu bringen gewußt. Im Anschluß an die Zweihundertjahrfeier von Moses Mendelssohns Geburtstag in Dessau, wenige Wochen nach der Erweiterung der Jewish Agency in Zürich, schrieb er am 20. September 1929: „Was würde Moses Mendelssohn zum Zionismus gesagt haben, er, der deutsche Jude!... Ich halte die Balfour-Deklaration und die darauf begründete Absicht, Palästina zu einer „Heimstätte" der Juden zu machen, für verhängnisvoll und für unausführbar und beklage das Diktum Weizmanns: im nächsten Jahre müßten an 100 000 Juden nach Palästina verpflanzt werden. Wie soll das geschehen ohne schwerste Konflikte mit den eingeborenen Arabern, denen das Land gehört?" Entschiedene politische Ablehnung aus dem Grundsatz der Selbstbestimmung hat Alfred Stern übrigens nicht gehindert, seine menschliche und geistige Verbundenheit, etwa durch wertvolle Bücherspenden an die Hebräische Universität Jerusalem, zu betätigen. Dem Schweizerischen Verband zur Förderung der Universität Jerusalem gehörte er als Vorstandsmitglied an. Es wäre daher unbillig, über die Richtigkeit oder Falschheit der vorstehend wiedergegebenen Äußerungen Alfred Sterns nachträglich rechten zu wollen. Sein Lebenswerk war Dienst an der „Ideen- und Interessengemeinschaft der europäischen Völker, die sie kraft innerer Notwendigkeit aneinander bindet und auf derselben Bahn geschichtlicher Entwicklung weiterführt". So hieß es in der 1894 erschienenen Einleitung zu seinem Hauptwerk, der „Geschichte Europas seit den Verträgen von 1815 bis zum Frankfurter Frieden von 1871". Dem im Kriegs jähr 1916 erschienenen siebenten Band dieses Werkes schickte er die Worte voraus: „Es hieße an der Zukunft Europas verzweifeln, wollte man diesen Zustand als einen für immer dauernden ansehen. Die gemeinsamen Wurzeln der gesamteuropäischen Kultur sind zu stark, als daß sie durch das Wüten des Orkanes, der jetzt über den Weltteil hinbraust, zerstört werden könnten. Die Völker Europas, deren keines ein auserwähltes ist, können sich, selbst 229