Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Übersetzungsprobleme [Rezension]
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 228 (sequence 5)
- Language
- German
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Hanns Reissner Man hat auch übersetzt: „da ich die Zahlen nicht kenne", oder „obwohl ich mich auf Gelehrsamkeit nicht verstehe" (Vulgata: quoniam non cognovi litteraturam). Der neueste, man kann sagen, umsichtigste und kenntnisreichste Erklärer, Professor Heinrich Herkenne, will in dem Satz die eingesprengte Randnotiz eines Abschreibers erkennen: lo jadati sephurot (das vorhergehende „ki" gehört in den Psalm), also „Ich habe das Geschriebene nicht verstanden", d.h.. ich konnte aus meiner Schreibvorlage nicht recht klug werden. In der Tat ist der Zusammenhang von Vers 16, 17 u. 18 schwer verständlich. So hat der Kommentar auch hier Möglichkeiten, die dem lückenlosen Sprachkunstwerk versagt sind. Bibellektüre muß heute „pluralistisch", d.h. auf verschiedenen, oft drei- und vierfachen Wegen vor sich gehen; auch die Väter lasen die Schrift einmal um ihrer selbst willen, wobei das Lesen oft nur ein Hersagen war und als Pflichtgebot (Mizwa) ohne Rücksicht auf das Textverständnis galt; gleichzeitig aber vertieften sie sich in Kommentare und Superkommentare und suchten mit der gleichen Leidenschaft in den wahren Sinn einzudringen wie nur irgendein moderner Kommentator oder Übersetzer. Die Fülle unserer Bemühungen um eine richtige Bibel-Interpretation hat also ihren guten Sinn: es geht bei diesem „Überfluß" nicht um Konkurrenz-Unternehmungen. Wer die Schönheiten und Rätsel von Buber- Rosenzweig wirklich kennt, greift auch zu „Torczyner". Es ist mit der größte Gewinn unserer Zeit, daß uns so ungewöhnlich gute Bibelübersetzungen von jüdischer Seite geboten werden. Von beiden großen biblischen Übersetzungswerken steht jetzt nur mehr etwa ein Viertel aus, darunter allerdings in beiden Fällen das Buch Hiob, das für das Jahr 1937 von beiden Seiten versprochen wird. Hanns Reissner: Alfred Stern Alfred Stern, geboren i8£6 in Göttingen, gestorben neunzigjährig in Zürich, war ein Mann der Geschichtswissenschaft, dessen Leistung von seinen europäischen Fachkollegen aufs höchste gerühmt wird. Sein Leben aber verlief abseits einer breiten Öffentlichkeit in selbstgewählter Beschränkung auf den Dienst am Geist, am abendländischen Geist. Mag sein, daß sein Judentum die selbstbewußte tiefere Ursache der von ihm geübten Zurückhaltung im reichsdeutschen akademischen Lehrbetrieb war. Nach drei Semestern Privatdozentur in Göttingen folgte er im Sommer 1873 einem Ruf an die Universität Bern; seit 1887 lehrte er am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich. Als er im Jahre 1927 als „Schweizer Historiker" bezeichnet wurde, berichtigte er das dahin, „daß ich, obwohl seit 54 Jahren als akademischer Lehrer in der Schweiz tätig, mich doch (geboren in Göttingen und dort aufgewachsen und zuerst Privatdozent) nicht als „Schweizer", sondern als deutschen Historiker betrachte". Die deutsche Reichsangehörigkeit hat er zeitlebens bewahrt. Gleichwohl empfand er zur Schweiz eine ehrliche Wahl Verbindung. „Das wundervolle Land hatte mich bezaubert, und seine demokratischen In- 228