Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Geschichtliches
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 200 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Paul Yogi Mayer Geschichtliches Stellt man in der Geschichte der Leibesübungen jeweils die Beziehung zu dem augenblicklichen kulturellen Stand eines Volkes her, so kommt man zu dem Ergebnis, daß sie einen Spiegel der allgemeinen Zeitgeschichte bilden. Das gilt auch für die jüdische Geschichte. In jeder ihrer Epochen, gleich auf welchen Zeitraum oder auf welche Gruppe des Judentums sie sich erstreckt, haben die Leibesübungen ihre besondere Funktion innegehabt, nicht anders, wie etwa die Kunst oder die Philosophie. Zuweilen entwickelt sich diese Funktion in völliger Abgeschiedenheit von der Umwelt unter eigenen, besonderen Aspekten, sodann wieder steht sie in Zusammenhang mit dem allgemeinen sportlichen Geschehen der Völker und Länder. Jene wechselnde Gestalt, die die Leibesübungen auch bei anderen Völkern gezeigt haben, soll nun in der jüdischen Gemeinschaft mit ihren Besonderheiten nachgezeichnet werden. Zur Zeit Abrahams, später der zwölf Stämme, zur Zeit der Wüstenwanderung bis zum Beginn eigener Staatlichkeit, also in der v o r nationalen Epoche der jüdischen Geschichte spielen die Leibesübungen keine andere Rolle als z. B. bei den Stämmen der Sumerer, Skythen, Römer und Germanen auf gleicher Entwicklungsstufe. Sie erfahren ihre Bestimmung aus dem täglichen Daseinskampf. Schwimmen, Laufen und Werfen sind auf jener Entwicklungsstufe ebenso Ausdruck des primitiven Ichs, wie sie es für das jagende Tier sind; die Unterweisung in ihnen ist ein Teil der Erziehung, wie die zum Gehen und zum Sprechen, — wenn überhaupt jene Dinge nicht schon allein von dem spielenden Kind allmählich nachahmend erworben werden. Von Sport, dessen Merkmal gerade die zweckfreie Körperbewegung ist, kann in jener frühen Phase, in der die Leibesübung aufs engste mit der Lebensfristung verknüpft war, nicht die Rede sein. Mit der zunehmenden Entwicklung zum Kulturvolk tritt immer stärker eine Naturentfremdung ein. Das Boot, das Schiff, der Wagen des Ackerbauers und das gezähmte Tier des Nomaden werden zu Hilfsmitteln, die die ursprüngliche Fortbewegung des Menschen zu Wasser und zu Lande verdrängen. So geht dem Menschen langsam das ursprüngliche Körperbewußtsein verloren. Sein Lauf wird unnatürlich, unschön, und es bedurfte in neuester Zeit geradezu einer Forschung, um wieder den ursprünglichen zweckmäßigsten und somit auch schönsten Laufstil des Menschen zu finden. Man muß den modernen Menschen erst wieder dazu erziehen, während er den Naturvölkern auch heute noch eigen ist. 200