Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Sport und Nationalität
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 199 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sport — jüdisch gesehen spanischer Heldengesänge; das Boulespiel wird nur in Frankreich, Baseball nur in Nordamerika gespielt. Diese und viele andere Nationalspiele, drücken sie nicht den Charakter, die Eigenart einer Nation auf eine besondere Weise aus? Es gibt also ohne Frage innerhalb des großen, Komplexes Sport einige Disziplinen, in denen einige Völker durchaus schöpferisch ihr eigenes Wesen darstellen, sei es auch nur durch die Kombination verschiedener Möglichkeiten, wie das Polospiel auf Motorrädern in Amerika. Aber der hierfür geprägte Ausdruck „Nationalspiel" ist der treffendste. Denken wir hingegen an Tennis, an Fußball, an Skilauf, also an Sportarten, deren Ursprungsländer feststehen und die anfangs unzweifelhaft nationale Züge getragen haben, so sehen wir, daß es auch im Sport Schöpfungen gibt, die wie in der Kunst das überpersönliche Volkslied, mit der Zeit auch einen bestimmten Grad übernationaler Anonymität erreichen. Selbst wenn man Unterschiede der Technik, des Stiles anerkennt, in dem sich das Temperament am klarsten zeigt, wie ihn z. B. im Fußballspiel die Engländer, Italiener und Afrikaner spielen, oder in dem Lauf über lange Strecken, wie ihn die Finnen und Südamerikaner entwickelt haben, so berechtigt das immer noch nicht, zu dem übergeordneten Begriff „Sport" das nationale Beiwort hinzuzufügen. Und wie liegt der Fall beim deutschen Turnen oder bei der deutschen Gymnastik, die doch unzweifelhaft ihren deutschen Ursprung voll zum Ausdruck bringen? Die deutsche Gymnastik wird, aufbauend auf der schwedischen Gymnastik in ihrer besonderen Verbindung von Musik und Bewegung und gleichzeitiger systematischer Erfassung und Ausbildung der Bewegungsformen, der deutsche Typ der Bewegungsformen bleiben, die man unter der Rubrik „Gymnastik" zusammenfaßt. Aber dem aufmerksamen Beobachter enthüllt sich das mögliche Phänomen, daß gerade die deutsche Gymnastik bei ihrem Siegeszug und ihrer Verbreitung in der ganzen Welt in der Lehre und in der Struktur der Bewegungsformen, die auch zum Sport führen, einst zur anonymen Schöpfung werden kann wie in der Musik die Formen des Kontrapunkts, der Fuge, der Sonatenform. Wenn es theoretisch auch möglich ist, daß die Juden, nachdem sie zu dem Sport hingefunden haben, in ihm eine neue und bestimmte Bewegungsreihe so gestalten, daß ihr Wesen in ihr offenbar wird, so bedeutet es doch keine Einschränkung oder sogar Minderung der jüdischen Sportbewegung, wenn wir bei der oben gegebenen Definition bleiben. Denn entscheidend für die sportliche Übung und Haltung eines Menschen und einer Menschengruppe ist, ob sie den Menschen in Wahrheit zurückführt zu der Einfachheit, Harmonie und Freude, die ein Mensch an einem in der Natur bewegten Körper zu empfinden vermag. Hans Keilson. 199