Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Autorität und Freiheit
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 195 (sequence 3)
- Language
- German
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Autorität und Freiheit keit „in den vier Wänden", Einsegnung der Jungen und Mädchen, Lernen zur eigenen Urteilsbildung, Sozialarbeit als Ausdruck gottergebener Frömmigkeit und Mitarbeit am Palästinaaufbau. Diese Forderungen müssen erfüllt werden, denn „Frommsein und Jüdischsein sind nicht Einzelhaitungen". Zur Durchsetzung dieser Anregungen wird eine Autorität gebraucht, die Dienemann, als „Autorität von unten", aus dem „Volksbewußtsein" durch den consensus omnium schaffen will. Dieses Programm löste lebhaften Widerspruch aus. Seligmann hatte Bedenken gegen die Durchführung in der Praxis, zumal jede Gemeinde ein anderes „Volksbew^ißtsein" habe. Vertreter aus Deutschland sprachen von „Rückwärtsrevision", ein amerikanischer Rabbiner von einem liberalen „Schulchan Aruch". Die Stellungnahme von Gordon bewegte sich im Theoretischen; er stellte Gemeinsamkeiten zwischen Orthodoxie und Liberalismus lediglich in den Wurzeln fest. Die Diskussion beschäftigte sich mit der Frage „Autorität oder Freiheit". Die angelsächsische Jugend setzt sich für religiöse Freiheit mit Verantwortungsgefühl ein. Als Kellermann dann für seinen Kreis das Bedürfnis nach „Bindung" betonte, schlug bei der Übertragung dieses Wortes Rabbi Mattuck sinnvoll die Brücke zwischen beiden Auffassungen: „responsability" muß das Entscheidende auch für den liberalen Juden sein. Es fordern daher vor allem die jüngeren Redner aus Deutschland eine gehaltvollere Kehilla, eine echte Gemeinde, die „das ganze Leben umfaßt". Die Bindung soll aus der Gemeinde erwachsen, in der durch Wissen und Lehren, aber auch durch Sozialarbeit ein echtes jüdisches Gemeinwesen sich ausdrücken soll. Hier ist auch der Boden für religiöse Bindungen: der Weg zur Autorität führt über Persönlichkeiten von Autorität. Der wesentliche Teil dieser Auseinandersetzung wird von Rednern aus Deutschland bestritten; die Problematik der Situation des religiösen Liberalismus in Deutschland drückt der Tagung das Gepräge auf. Die Vertreter anderer Bezirke nehmen die Anregungen vorerst mehr zur Kenntnis, als sie sie erwidern. Zum Schluß betonte Dienemann: es gebe keine religiöse Aktivität ohne Formen, keine religiöse Arbeit ohne Bindung an die Autorität. An welche Autorität? Diese Frage wurde durch die Londoner Tagung ebensowenig beantwortet wie die nach dem Primat von Autorität und Freiheit im religiösen Liberalismus. Eine Antwort konnte nicht erfolgen, weil die Aufrollung des Problems allein die Tagung ausfüllte. Man ging auseinander in dem Suchen nach einem Gemeinsamen. Vielleicht wird es in neuer religiöser Gemeinschaftsarbeit in Deutschland geboren. Es wird versucht. Sicher aber liegt die Zukunft des religiösen Liberalismus nicht in der „Freiheit", welche ein amerikanischer Rabbiner als den Weg von der „Ethik zur Ethnik" bezeichnet hat. W. M. 195