Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Autorität und Freiheit
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 194 (sequence 2)
- Language
- German
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Autorität und Freiheit Sonntagsgottesdienst ist auf Freitag Abend verlegt worden, man bläst „wieder" Schofar, Gebete für Zion sind in das Gebetbuch aufgenommen worden, alte jüdische Melodien haben ad hoc komponierte Musikstücke verdrängt, auch die Hatikwa wird im Gottesdienst gesungen. Diese Wandlung ist durch die Einwanderer aus den östlichen und europäischen Ländern begünstigt worden. Deutet sie auf eine religiöse Vertiefung des amerikanischen Reformjudentums? Hat nicht hier vielmehr eine auch in Amerika vorhandene Verstärkung der tatsächlichen und gefühlsmäßigen Bindungen zu Palästina ihren Ausdruck im gottesdienstlichen Leben der Gemeinde gefunden? Gelten die Gebete für Zion nicht mehr dem Aufbau Palästinas als jenem Zion, von dem die Lehre ausgeht? Sehr wahrscheinlich wirken bei diesen Erscheinungen die gleichen geistigen Triebkräfte mit, die zu der Gründung der jungen Pariser „liberalen" Gemeinde geführt haben, wo junge Menschen unter dem Einfluß von Aime Palliere Gottesdienst halten. Einerlei! Der Begriff des „liberalen" Judentums ist in einer Wandlung begriffen. Wenn Cäsar Seligmann, der Nestor des religiösen Liberalismus in Deutschland, den ersten Oneg Schabbat auf englischem Boden veranstaltet und ihn bei dieser Gelegenheit als eine Neuschöpfung des liberalen Judentums gefeiert hat, die Bialik gegen den Willen der Orthodoxie durchgesetzt habe, so zeigt sich schon an dieser Einzelheit, daß starre Schablonen fallen und ein neuer Geist die Arbeit weitet und verstärkt. Über das Hauptthema „Autorität und Freiheit" hatten die Referenten Dienemann und Gordon (USA.) Stichworte ihrer Ausführungen der Versammlung übergeben. Dienemanns Thema hieß „Autorität und Freiheit", Gordon nannte sein Referat „Freiheit und Autorität". War es Absicht oder hatte die Psychologie des „Verschreibens" hier einen tieferen Sinn enthüllt — der Gegensatz zwischen der amerikanischen und der von Dienemann gewählten Darstellung stand von Anfang an fest. Dienemann entwickelte Vorschläge zu der Frage, wie die für alle religiösen Juden gemeinsame Anerkennung des Autoritätscharakters der jüdischen Religion, der aus dem Offenbarungsglauben sich ergibt, für den liberalen Juden in seinem religiösen Leben auszudrücken sei. Er schlug zu diesem Zweck in vierzehn Punkten eine Reihe von Maßnahmen vor. Als wichtig bezeichnete er: tägliches Gebet, nicht individuell, sondern für Israel, Gebet für die Mahlzeit, Erlernen der hebräischen Sprache zur Verinnerlichung der Gebete, Feier des Sabbat, Freitagabendfeier, Feier des Pessach- und Chanukkafestes, Speisegesetze „im Prinzip", Beschneidung, religiöse Weihe der Ehe, religiöse Toten- und Totengedenkfeier, Teilnahme am Gemeindegottesdienst, nicht Frömmig- 194