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Der Morgen · 1936-07-01 · Heft 4 (Juli 1936) · p. 192

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 4 (Juli 1936)
Article
Aus Agnons dichterischem Schaffen [Rezension]
Date
1936-07-01
Page
192 (sequence 3)
Language
German
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man einer gewissen Langatmigkeit. Gewiß, die handelnden Personen, deren Typen ihm wohl von seiner Heimat her vertraut sind, sind lebendig (und nicht ohne gelegentliche, wenn auch gutmütige Ironie) hingestellt, ja ausgemalt. Doch bei der Schilderung der weiblichen Hauptperson verliebt sich der Verfasser gleichsam in seinen Einfall, sie durch die „blaue Stummheit" (oder „stumme Bläue") ihrer Augen zu charakterisieren, und läßt ihr Bild bei dieser lakonischen Formel bewenden. Eine Handlung fast ohne Dramatik, ja ohne eigentliche Spannung zeigt, daß nicht in dieser Gattung die Stärke Agnons liegt. Dem „Fall Agnon" kommt im übrigen auch eine grundsätzliche Bedeutung zu. Ein kleines Volk neigt naturgemäß leicht (keiner hat es so sehr erkannt und seinem Volke vor Augen gehalten wie Masaryk) zu einer gewissen Überbewertung seiner geistigen Repräsentanten; es verliert leicht das Augenmaß. Man kann aber wohl den Grundsatz aufstellen, daß es keinen besonderen jüdischen, sondern nur einen universalen Literaturmaßstab gibt. Daher ist der kürzlich unternommene Versuch, Agnon Gottfried Keller gleichzustellen, deplaziert, auch wenn man den Vergleich hinterher einschränkt. Gewiß wurzeln beide Dichter in ihrem Volkstum (welcher echte Dichter tut es nicht?). Allein die Reichweite der Dichtung ist doch bei Keller unvergleichlich weiter, seine Farben mannigfaltiger, seine Ironie schärfer. Agnon bleibt aber durch die Eigenart seines jüdischen Stoffes eingeengt. Wir berühren damit ein tiefes allgemeines Problem des jüdischen dichterischen Schaffens. Dieses Problem war sicher einem Geiste wie Bialik gegenwärtig: daher strebte er denn (seine Übersetzungen Schillers, Cervantes' u. a. bezeugen es) aus dem Jüdischen ins Universale hinaus; aber auch in seinen eigenen Schöpfungen ist das Jüdische, seelisch genommen, kein umfassendes Element, sondern e i n Zug des Allmenschlichen. Aber noch in einer Beziehung be. sitzt der Fall Agnon grundsätzliche Bedeutung: in sprachlicher Hinsicht. Agnons Hebräisch ist so stark ausgeprägt, und zwar nachbiblisch (ich hätte beinahe gesagt: antibiblisch), daß seine Eigenart auf viele suggestiv wirkt und neuerdings sogar das Verlangen laut wurde, dieses Hebräisch zum Stil unserer gegenwärtigen jüdischen Epoche zu erheben. Die Rückkehr zur (bzw. das Festhalten an der) Sprache der Bibel wird hingegen als „Überbleibsel der Haskalah" beiseitegeschoben. Dem Urheber dieser Forderung ist ein die Korrektur herausforderndes Mißverständnis mitunterlaufen. Er übersieht, daß die nachbiblische Epoche nicht nur die Fortbildung, sondern auch den Verfall des Hebräischen bedeutet, demgegenüber die Rückkehr zur Bibel als sprachlichem Maßstab (nicht zur stilistischen Nachahmung der Bibel!) einfach eine Forderung der Grammatik darstellt. Und so kann man denn auch aus Agnons Schriften manche Fehler zusammenlesen. Dennoch darf man Agnon zuerkennen, daß sein ganzer Stil seinen Schöpfungen gemäß ist. Aber in diesem Recht auf Eigenart liegt auch seine Schranke. Elias Hurwicz. 192

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