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Der Morgen · 1936-07-01 · Heft 4 (Juli 1936) · p. 191

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 4 (Juli 1936)
Article
Aus Agnons dichterischem Schaffen [Rezension]
Date
1936-07-01
Page
191 (sequence 2)
Language
German
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sagen. Nur die Form, in die diese Elemente gegossen sind, variiert je nach dem Inhalt: bald ist es der neue herrliche Siddur, den der Vater dem Kinde vom Jahrmarkt mitbringt, und die mannigfache Freude, die das Kind an dem Geschenk erlebt; bald wird das schöne seidene Tuch, das der Vater der Mutter zum Feiertage schenkt, zum Mittelpunkt eines innigen Erlebnisses. Sehr typisch ist für Agnon auch das Wunderbare, übernatürliche. Es erscheint bei ihm geradezu als die weitere (und höchste) Stufe der religiösen Romantik. Am schönsten, wegen der Tiefe des Inhalts und weil hier das Übernatürliche fast natürlich wirkt, dünkt mich die nach mündlichem Hörensagen geformte Erzählung „Die Predigt": Der Sohn eines berühmten Predigers widmet sich dem Geschäftsleben und nur zwischendurch dem heiligen Studium; eines Tages kommt er zu dem stark besuchten Jahrmarkt in Berdytschew und findet ein Zimmer, nur weil er sich dem Hotelier als Sohn des bekannten Predigers zu erkennen gibt und, dazu gedrängt, eine Predigt verspricht; doch im Traume spricht ihm der Vater Mut zu, die Predigt wirklich zu halten, und gibt ihm allerhand praktische Ratschläge dazu; der Sohn gehorcht, erntet Beifall — und wird seitdem tatsächlich auch zum geistigen Erben seines Vaters. — Das Element des Geheimnisvoll- Wunderbaren beherrscht auch die breit strömende epische Erzählung „Mitten auf dem Meer", die den größten Teil des besprochenen Bändchens einnimmt. Sie schildert eine Reisegesellschaft von Juden einer kleinen galizischen Stadt, die beschlossen haben, ihr bisheriges profanes Leben aufzugeben und nach dem Heiligen Lande auszuwandern. Die einzelnen Typen sind mit wenigen Strichen liebevoll gezeichnet, und ebenso liebevoll-kurz die idyllischen Landschaften, die die in zwei Wagen Reisenden auf ihrem Wege über Galizien und Rumänien passieren. In Konstantinopel verliert die Gesellschaft einen geheimnisvollen Gefährten, der ihr vorher angehört hatte. Doch bei der Landung kommt er ihr wieder entgegen: er hatte, als er sah, daß das Schiff abgefahren sei, am Bosporusufer sein Tuch aufs Wasser gelegt, und der Allmächtige hat ihn bis ans Heilige Land herübergebracht. Diese ganze Geschichte, die einer tieferen Symbolik nicht entbehrt, ist mit großer Schlichtheit, idyllisch, in einem dem Inhalt adäquaten, wundervoll archaistischen Stil erzählt. Überhaupt ist das Idyllische, Schlichte, Ruhige der Wesenszug in Agnons Schaffen. Er scheint es selbst zu fühlen und in den Titeln der beiden Bände zum Ausdruck zu bringen. Selbst das Wundersame bleibt bei ihm idyllisch, weil es auf dem festen Boden des Religiösen ruht. In dem stärkeren Bande mit dem Titel „Eine schlichte Erzählung" handelt es sich im Grunde freilich um einen Roman; eine süßtraurige Liebesgeschichte zwischen einer jungen armen Waise, die nach dem Tode ihrer Eltern als Stütze in das Haus von wohlhabenden Verwandten kommt, und dem Sohn dieses Hauses, den die Liebe bis an den Rand des Irrsinns treibt. Die kurze, prägnante Art, die Agnon in seinen Miniaturen meisterhaft beherrscht, weicht in dem Ro- 191

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