Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 187 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Es gereicht der Lektüre des Buches zum Vorteil, daß der Autor aus Neigung und schriftstellerischer Ökonomie die Reihenfolge der Vielen durch ein breites Mittelstück unterbricht und gleichzeitig sammelt, und zwar durch die ausführliche Darstellung Heinrich Heines, der die Hälfte des gesamten Buches gilt; es ist gleichzeitig durch Form und Gehalt sein wertvollster Teil. Hier ist die Darstellung im Motiv einheitlich; das will sagen: der Gegenstand Heine ist ausgiebig genug, um allen Motiven und Themen des Buches etwas zu geben. Hier braucht auch das Jüdische nicht gesucht oder gefunden zu werden, weil mit der größeren Bedeutung und Originalität Heines (wie jedes Großen) sein „Jüdisches" als Eigenschaft, Programm oder auch Schicksal im Sinne eines beliebig zu addierenden oder subtrahierenden Faktors abnimmt und sich um so unlöslicher mit hundert Lebenszügen dem Bilde einprägt. Für den übrigen Teil des Buches aber bleibt es schwer zu entscheiden, ob eine solche Darstellung überhaupt möglich ist. Wo ist bei den Persönlichkeiten, die in erster Linie Dichter oder Literaten waren, eine spezifische Substanz so spürbar, daß sie wirklich dem Wege vom Ghetto nach Europa zuzurechnen sind? Ist nicht ihre bloße Rassenzugehörigkeit eine vorwiegend biographische Tatsache, die zu einem charakteristischen Beitrag in einer Geistesgeschichte noch nicht ausreicht? Die Reihe jener andern, bewußten Emanzipationskämpfer, die dem breiten Glänze Mendelssohns folgten (von Markus Herz, Friedländer bis Auerbach) geht schlecht mit diesen zusammen, es sei denn, daß der geschichtliche Rahmen wesentlich weiter gehalten wäre. Vielleicht hätten den geschichtlichen Ablauf unterbrechende und zusammenfassende Übersichten und Analysen der großen Materialanhäufung Vertiefung und Profil geben und diese Schwierigkeiten etwas mindern können. So wie etwa bei der Heinebiographie eine vortreffliche Schilderung des Biedermeiers und damit ein innerer Grund für Heines Publikumswirkung gegeben ist, oder wie der Hinweis der talmudischen Lernweise als Quelle für die Lehrhaftigkeit der Auerbachgeschichten, so hätte man es sich öfter gewünscht und auf ein paar Inhaltsangaben eher verzichtet. So würde etwa eine ausführlichere Betrachtung über die auffallend sichere Begegnung des Humors im Berliner und im jüdischen Witz oder über die Wandlung der inneren Leistungen im großen Familienkreise der Mendelssohns von der religiösen auf die kulturelle Ebene sehr interessiert haben. Darum leidet das an sich dankenswerte Unternehmen an der stofflichen Fülle, der zu wenig markante, unterscheidende Ordnungen mitgegeben wurden. Dem gebildeten Autor fällt bei der an sich hübschen, lockeren Art des Vortrags noch zu viel ein an Vergleichen, Assoziationen und Zitaten. Es entsteht dadurch eine etwas zerstreuende Wirkung. Das aber mag in der Art dieser „Aussichtsturmrevue" liegen, die andrerseits für den Leser, der mit ähnlichen Voraussetzungen wie der Autor an das Buch herangeht, sehr unterhaltsam sein kann. Auch als Informations- und Nachschlage- 187