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Der Morgen · 1936-07-01 · Heft 4 (Juli 1936) · p. 178

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 4 (Juli 1936)
Article
Heine-Kompositionen
Date
1936-07-01
Page
178 (sequence 4)
Language
German
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Martin Friedland: Heine-Kompositionen grundelegte. Lange vor Hugo Wolf hat Schubert einen musikalischen „Dichterstil" gefunden. Zur Nachprüfung bedarf es eigentlich nur der Nennung weniger Schubert-Heine-Lieder: Am Meer, Atlas, Doppelgänger, Ihr Bild. Diese Töne wird man im gesamten Schubert-Liederschatz vergebens ein zweites Mal suchen. Man spürt hier nicht nur Schubert, sondern beinahe noch stärker den Dichter. Auch Schumanns schönsten Heine-Liedern (Du bist wie eine Blume, Allnächtlich im Traume, Wenn ich in deine Augen seh, Ich grolle nicht, Die Lotosblume usw.) ist ein musikalischer „Heine-Stil" eigen: der Komponist geht im Dichter unter, nicht umgekehrt. Nirgends fanden beide Meister noch einmal diese besondere Färbung der melodischen Substanz, diese Differenziertheit der harmonischen Mittel. Etwas schwieriger liegt der Fall nur bei Mendelssohn. Seine Melodie, nicht eigentlich vom Texte her ersungen, quillt aus einer eng umschriebenen Musiker-Individualität, die, obgleich beweglich und spürsam, doch im Grunde stets sie selber bleibt, weil sie sich dem Dichter nicht auszuliefern vermag. Ist es Ironie des Schicksals, daß es dem vielgeschmähten Ironiker die Kenntnis der schönsten Vertonungen seiner Lieder vorenthielt? Adolf Stahr und Fanny Lewald, heimgekehrt von einem Besuch am Krankenbette des Dichters, berichten, daß er von den bereits überall verbreiteten Liedkompositionen Mendelssohns, Schuberts und Lowes nur ganz wenige kannte, ja daß ihm sogar die längst volkstümliche Loreley-Melodie Friedrich Silchers fremd war. Eine Erklärung bietet sein körperliches Gefesseltsein an die Matratzengruft, sein langes Fernsein und, da ja Mathilde gänzlich amusisch war, das Fehlen eines Klaviers in seiner Wohnung. Dagegen kann ihm die ausgebreitete Vorliebe der deutschen Komponisten für seine Lieder nicht unbekannt geblieben sein, da er schon 1843, in einem seiner Briefe an die Augsburger Allgemeine Zeitung, sich beklagt: „Es sind namentlich die von Schubert komponierten Lieder von Heinrich Heine, welche hier am beliebtesten sind, aber die Texte sind so entsetzlich übersetzt, daß der Dichter herzlich froh war, als er erfuhr, wie wenig die Musikverleger sich ein Gewissen draus machen, den wahren Autor verschweigend, den Namen eines obskuren französischen Paroliers auf das Titelblatt jener Lieder zu setzen. Es geschah vielleicht aus Pfiffigkeit, um nicht an droits d'auteur zu erinnern. Hier in Frankreich gestatten diese dem Dichter eines komponierten Liedes immer die Hälfte des Honorares. Wäre diese Mode in Deutschland eingeführt, so würde ein Dichter, dessen „Buch der Lieder" seit zwanzig Jahren von allen deutschen Musikhändlern ausgebeutet wird, wenigstens von diesen Leuten einmal ein Wort des Dankes erhalten haben. Es ist ihm aber von den vielen hundert Kompositionen seiner Lieder, die in Deutschland erschienen, nicht ein einziges Freiexemplar geschickt worden!" 178

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