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Der Morgen · 1936-07-01 · Heft 4 (Juli 1936) · p. 174

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 4 (Juli 1936)
Article
Heines Fragment Der Rabbi von Bacherach
Date
1936-07-01
Page
174 (sequence 7)
Language
German
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Erich Loewenthal: Heines Fragment „Der Rabbi von Backerach" Heine schon früh geplante Zusammentreffen seines Rabbi Abraham von Bacherach mit einem der christlichen Kultur zugeneigten Mitgliede der berühmten spanischen Familie der Abarbanels nicht in Frankfurt, sondern in der Heimat des Humanismus, in Italien stattfinden sollte, vielleicht in Venedig oder in Florenz oder in einem oberitalienischen Bade. Auch der Fluch, den Saras Vater Abraham nachruft, als er sich überraschend mit seiner Tochter vermählt hat: „Sieben Jahr sollt ihr betteln gehn!" — dieser Fluch scheint zweifellos die Andeutung zu enthalten, daß der Rabbi und sein Weib nach der Flucht aus Bacherach sieben Jahre lang die Welt durchirren mußten. Diese Irrfahrten haben sie offenbar auch nach Italien geführt, und hier war es Heines Absicht, durch die Begegnung mit dem humanistisch gebildeten Abarbanel, vielleicht auch mit den berühmten humanistischen Häuptern der italienischen Hochschulen, das überlieferte Judentum und die moderne christlich-europäische Kultur einander gegenüberzustellen. Wenn Heine diese Absicht ausgeführt hätte, wäre der „Rabbi von Bacherach" nicht nur der erste deutsche historische Roman, nicht nur die erste deutsche Ghettoerzählung geworden, sondern vielleicht eine Erlebnisdichtung, die das künstlerisch gestaltet hätte, was Heine und seine jüdischen Zeitgenossen, was mehrere Generationen seiner Nachfahren in sich und mit sich durchgekämpft hatten, als sie aus der fest umgrenzten Welt des Ghettos in die weiten Gefilde des modernen europäischen Kulturlebens vorstießen. Gerade in seinen Göttinger Studienjahren hat Heine, wie aus seinen brieflichen Bekenntnissen an Moser hervorgeht, sehr stark mit diesem Problem gerungen. Wenn er ein Goethe gewesen wäre, hätte er sich aus diesen Wirrnissen durch das große Kunstwerk befreit, das ihm damals vorgeschwebt hat: ein jüdischer Werther, dessen nicht erwiderte Leidenschaft der europäischen Kultur gegolten hätte. Statt dessen tat er den äußerlichen Schritt zur Taufe, und die künstlerische Kraft mußte erlahmen, das unter so großen Hoffnungen begonnene Werk konnte nicht geschrieben, konnte nicht vollendet werden. So blieb Heines Judenroman ein bloßes Fragment. Er mußte ein Bruchstück bleiben — nicht das Bruchstück einer großen Konfession. Denn das, was Heine fehlte, um das Werk zu schreiben, das er schreiben wollte, war das jüdische Urerlebnis. Das Jüdische im „Rabbi von Bacherach" quillt nicht aus dem Blute seines Verfassers — es ist der Versuch, ein Bildungserlebnis zu gestalten. Denn letzten Endes entscheidet allein die Tiefe des Erlebnisses darüber, ob dem zerwühlenden Ringen eines Dichters ein unvergängliches Kunstwerk entsprossen ist, oder ob Georg Brandes mit seiner Meinung recht hat, das Fragment sei „mit Unrecht mit Lob überschüttet" worden. Es kommt wenig darauf an, wie sorgfältig 174

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