Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Eine Heine-Auswahl [Rezension]
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 141 (sequence 1)
- Language
- German
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Eine Heine - Aaswahl „Gedicht und Gedanke" nennt Werner Kraft im Untertitel die Sammlung Heinescher Lieder und Prosastücke (oder vielmehr-stellen), die er mit einem in seiner Knappheit bedeutungsvollen Nachwort in der Schockenbücherei herausgibt. Über die grundsätzliche Berechtigung einer Auswahl ist gerade bei Heine kein Wort zu verlieren. Stärker noch als in andern Fällen steht die Fülle des Vergänglichen der Schätzung des Dauernden im Wege, und man kann nicht sagen, daß der Ruhm sich gerade an das Beste geknüpft hätte: das „Buch der Lieder", selbst in großen Teilen zu „verbindlich" ausgedrückt, hat viel unverbindliches Versgeschreibsel auf dem Gewissen. Um so besser und richtiger, daß die Auswahl den Prosaisten Heine eher in den Vordergrund rückt; dadurch erhalten auch die Lieder den festeren Rahmen, der sie aus dem Anschein des bloß schönen Geflunkers, wie er der Lyrik nun einmal noch anhaftet, heraushebt und zu Äußerungen macht, die wirklich etwas sagen wollen. Aber nun das Wie: das wird leidenschaftlichen Widerspruch finden. Denn hier ist ein neuer Heine, ohne romantische Leier und Narrenkappe, ohne künstlichen Weltschmerz, dafür mit dem echten Schmerz der Welt. Der junge Dichter tritt gegen den späten zurück, und die meisten werden gerade das nicht finden, was sie zuerst suchen, jene Lieder, die „auf Flügeln des Gesanges" durch die Welt flogen, jene orientalisch kostümierten Gestalten, „welche sterben, wenn sie lieben". Hat hier ein strenger Orgelspieler die süßen Geigen, die schmachtende Harfe, die grellen Trompeten und Tschinellen unterdrückt und, neben der gedämpften Trommel, nur die Vox celesta übriggelassen? Hat hier Apoll den Marsyas — bearbeitet? In der Tat ist der erste kritische Eindruck: so geht das nicht. Doch es gibt ein gutes Mittel gegen das Absprechen: — Bessermachen. Was also müßte aus dem dicken Band Heinescher Lyrik bleiben, wenn die Auswahl sich auf dies dünne Bändchen beschränken muß? Rasch erweist sich Krafts Grundsatz, nur ganze Lieder aufzunehmen, als richtig (obwohl es z. B. der „Schlacht von Hastings" gegenüber schwerfällt, es nicht doch mit dem Kürzen zu versuchen). Und man ertappt sich selbst dabei, daß die schon nicht große Liste der frühen Lieder immer mehr zusammenschmilzt, wenn man sie gegen die späten hält. Anmutige frühe Strophen wie ,Was bedeuten gelbe Rosen?' und ,Leise zieht durch mein Gemüt* hätten nicht viel Raum beansprucht, ,Laß ab£ und ,Gesanglos war ich und beklommen' hätten das Niveau nicht gedrückt. (Denn, das ist wichtig, Kraft nimmt kaum ein Stück auf, das man missen möchte.) Aber darf jüdisch Wichtiges unter dem Guten wegbleiben wie An Edom oder Jehuda ben Halevy (das erste Stück)? Manches wie Die Weber oder Verheißung muß wohl geopfert werden; immerhin, Enfant perdu, Nachtgedanken oder etwa ,Riesenhafte Felsenblöcke' (aus Atta Troll) wäre möglich gewesen. Unter den Balladen ist es schwer, auf Ritter Olaf und 141