Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Abschied vom Güterbahnhof
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 140 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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die Pferde vor, hilft einander Wagen andrücken, leiht Brecheisen, Karren und Besen, Tabak und Streichhölzer und vergißt nicht einmal das Wiedergeben. Zwischen dem lauten Hüh und Hott der Fuhrleute, den Rufen der Rangierer und dem Lärm der Lastwagen fliegen von Wagen zu Wagen männlich-derbe Scherzworte. Es ist überflüssig zu sagen, daß im Güterbahnhof Frauen vollkommen fehlen. Die Sichtbarkeit des Güterumschlages, die Beobachtung des Betriebs auf den Lagerplätzen, die Vergrößerung oder die Abschaffung des Fuhrparks vermitteln jedem einzelnen eine sehr konkrete Anschauung über den Gang jedes Geschäfts. (Daß der Augenschein zuweilen trügen kann, wird allerdings vergessen.) Und längst, bevor im Büro die Zu- oder Abnahme des Umsatzes in zwar auch deutlichen, aber doch nicht ganz so anschaulichen Zahlen erkennbar wird, haben es die Gelegenheitsarbeiter, die Spediteure und die Bahnbeamten gesehen und mit jener Gelassenheit festgestellt, die ihnen aus der Sicherheit erwächst, daß Rheinsand und Briketts, Koks und T-Träger, Kapok und Felle immer von der Bahn befördert, von Arbeitern umgeladen und von Fuhrleuten gefahren werden, einerlei, auf wessen Name der Frachtbrief lautet. So zählen denn im Güterbahnhof nur die Anwesenden, und seine Mechanik wird durch den Abschied oder Neueintritt von Personen nicht berührt. Nur den Einzelnen selbst, der kommt oder geht, bewegt die damit verbundene Existenzfrage und die daraus entspringende Seelenstimmung. Im vergangenen Spätherbst kreisten lange und sorgenvolle Gespräche mit dem Freund um den Gedanken, daß wir wohl die nächsten wären, die vom Güterbahnhof — und nicht nur von ihm — Abschied zu nehmen hätten. Und als in jenen Tagen der Freund hoch oben auf einem Waggon seine Bretter ablud und ich auf der andern Seite der Ladestraße mit meiner Schippe hantierte, wehten wie zur Bestätigung unserer Erörterungen Bruchstücke von Sprechchören, Liedern und Marschmusik aus der Ferne in den Güterbahnhof hinein. Wir horchten auf, hielten inne und nickten uns zu. Und in der Tat: Nur noch wenige Wochen bewegte sich das Leben in dem alten Rhythmus. Seit dieser Zeit meldet sich niemand mehr morgens um sieben Uhr, der mit klarer Stimme und in sachlichem Ton einen neuen Arbeitstag ansagt. Das Telefon ist überhaupt verstummt. Anton, der früher, wenn er uns von weitem sah, auf uns zugeschritten kam, um uns mit der Frage zu begrüßen, ob er in dieser Woche noch einen Tag helfen könne — Anton bleibt heute auf der andern Straßenseite und hebt höchstens zum Gruß den Zeigefinger in die Nähe der Schläfe. Und August, der im Sommer bei dreißig Grad Hitze billiges, aber warmes Selterswasser für uns bereit hielt, wird uns schon gar nicht vermissen. Es bleibt nur der Trost, daß es überall in der Welt Güterbahnhöfe gibt und daß sich die in diesem Bezirk gültige Maßeinheit — eine halbe oder ganze Wagenlänge — nirgends verschiebt. Und die Hoffnung, daß in einem davon eine neue Existenz sich gründen läßt. Erich RosenthaL 140