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Der Morgen · 1936-06-01 · Heft 3 (Juni 1936) · p. 139

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 3 (Juni 1936)
Article
Abschied vom Güterbahnhof
Date
1936-06-01
Page
139 (sequence 2)
Language
German
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Und zwischen den beiden Strecken bimmelt eine Lokomotive, die den Stahl- und Eisenwerken den Koks, das Erz, den Kalk und den Schrott bringt und auf dem Rückweg einen Zug mit Röhren, Zement, Stahlbändern und Röheisen zieht. Früh um sieben Uhr läutet das Telefon: „Hier Güterabfertigung: ein Avis — Bitte — Essen 3864 — ja — ein Waggon Briketts — ja — von Frechen — ja — 79 Mark 10 Fracht — Danke." Man muß den Spediteur benachrichtigen oder — zuverlässiger — irgendwo erwischen und selbst zum Waggon bringen. Denn Fuhrleute haben niemals Zeit und können nicht alle wartenden Kunden auf einmal bedienen. Ein Gelegenheitsarbeiter, der den Waggon bereits entdeckt hat, bietet sich zum Mithelfen an. Diese Gelegenheitsarbeiter, die den Zugang des Bahnhofs besetzt halten, helfen heute Holz, morgen Koks und übermorgen Sand oder Dachpappe ausladen. Sie verfügen über alle Techniken und die unumgänglichstenMateriaikenntnisse, die zu dieser ungelernten Arbeit nötig sind. In ihrer grundsätzlichen Uninteressiertheit an den zu entladenden Gütern und in der selbstverständlichen Handhabung der Ladetechnik gleichen sie den Spediteuren und ihren Fuhrleuten, die auf ein und demselben Wagen hintereinander Rheinsand, Schlackensteine, Kohlen und Düngemittel fahren. Die dritte Gruppe von Menschen, die im Güterbahnhof wie zu Hause sind, stellen die Großunternehmungen, die über einen eigenen Fuhrpark verfügen: die stämmigen Chauffeure und Beifahrer der Mühlen und Lebensmittelgroßhandlungen, die mit ihren Zweizentnersäcken umgehen wie gewöhnliche Sterbliche mit Fünfpfundpaketen, die aber dafür, wie sie selbst versichern, immer einen ungewöhnlichen Appetit und einen schwer zu stillenden Durst haben. Andererseits die beweglicheren Angestellten der Industrie, die die großen Kisten mit den überseeischen Aufschriften wegen ihres empfindlichen Inhaltes geschickt und elegant herumschwenken. Klugerweise begnügen sich die blaubemützten Güter-Bodenarbeiter und die Beamten damit, den Betrieb und die Tätigkeit der Kundschaft zu überwachen und höchstens helfend, aber niemals hemmend einzugreifen. Wichtiger noch als die unbürokratische Haltung der Beamten — ihr Dienst ist „Dienst am Kunden" — ist die Erscheinung, daß der kaufmännische Wettbewerbsgeist im Güterbahnhof nicht zur Entfaltung kommt, da ja hier das unabänderliche Ergebnis des Wettbewerbs vor aller Augen sichtbar „umgeschlagen" wird. Daraus entspringt das Faszinierende des Güterbahnhofs. Durch das Fehlen des Wettbewerbsgeistes entsteht eine Atmosphäre der Gelassenheit, die sich bis zur Ausgelassenheit steigert; aus der Konkurrenzlosigkeit stammt die Kollegialität aller im Bahnhof Tätigen, aus der Sichtbarkeit des „Umschlags" die Möglichkeit zu objektiver Beurteilung der Wirtschaftslage und der geschäftlichen Situation jedes einzelnen Unternehmens. Die Menschen sind im Güterbahnhof nicht nur deshalb gefällig, weil sie in die Lage kommen können, dieselbe Gefälligkeit, die sie heute andern erweisen, morgen von andern erbitten zu müssen. Man spannt gegenseitig 139

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