Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Schriften um Maimuni [Rezension]
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 132 (sequence 3)
- Language
- German
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Schriften um Maimuni oder allegorischen Bilde, sondern wie ein allgemeiner Satz zu seinem einzelnen konkreten Fall. Der Mythos ist nicht das metaphorische Bild, die sinnenhafte „Einkleidung", sondern der konkrete Linzelfall einer allgemeineren Wahrheit. Ist diese allgemeine Wahrheit noch unbekannt, so erscheint das mythische Einzelgeschehen, wie übrigens jedes Geschehen ohne seine Regel, als eine irrationale Unbegreiflichkeit. So könnte man das Verhältnis von religiöser Mythik und Philosophie fassen, wenn man verstehen will, wie Goldberg nach seiner Weise die Antwort auf die heikelste Frage jeder Theologie gibt: auf die Frage nach dem sogenannten „Wunder". Mit einem einzigen entscheidenden Griff hebt er den grundsätzlichen Unterschied des Wunder-Geschehens, wie es sich einer Theologie des hebräischen Urmythos darbietet, gegenüber dem Wunder-Begriff der großen Weltreligionen heraus: das göttliche Geschehen nach der Tradition des Urhebräertums, wie es uns in der Thora vorliegt, zeigt sich nicht als ein isoliertes Ereignis, nicht als ein einmaliges oder sporadisch willkürlich auftretendes Sich-Bezeugen Gottes, sondern weist die Tendenz auf, sich mit anderen gleich außerordentlichen Ereignissen zu einer neuen Art „Normalität" (Beständigkeit, Temiduth), zu einer ganzen dauernd vorhandenen oder vorhanden sein sollenden „wunderbaren Naturordnung" neben der gewöhnlichen Ordnung der Dinge zusammenzuschließen: die Gottheit soll nicht ausnahmsweise, sondern immer, täglich anwesend sein (vergleiche den täglichen Zelt- und Opferdienst), und ihre ständige Anwesenheit bedeutet den Rückhalt an der Möglichkeit einer außerordentlichen Regelung aller menschlichen Dinge, wenn und weil die normale mit Notwendigkeit versagt. Wer mit dem Pentateuch ernst machen will, kann sich die Welt nicht denken, wie es ihm gefällt, d. h. er kann das Pathos des Wunderbaren nicht weglassen, kann es weder symbolistisch wie Philon noch aufklärerisch wie Cohen abtun, und er kann vor allen Dingen eines nicht, woran allem „modernen" Denken so sehr liegt: die normale Natur- Ordnung glorifizieren. Goldberg geht gegen nichts so radikal und deutlich vor, als gegen den philosophischen oder auch theologisch benutzten „Kult der Natur", und er geht so weit, das Prädikat einer „sittlichen Weltordnung" der gewöhnlichen Naturordnung, auf der Tod und Verderben lasten und von der Gott abwesend ist, abzusprechen und es nur einer, von der Normalität aus gesehen, „wanderbaren Naturordnung"1 zuzugestehen, mit der die Gottheit die übliche durchdringt. Die Welt ist unvollkommen, und ihre Ordnung ist, außerhalb der Wirkungen der Gottheit, eine „unsittliche Weltordnung" — mit diesem Eingeständnis beginnt nach Goldberg jede kompromißlose Reflexion über die Beziehung von Natur und Gott. Das Weltbild des Pentateuch zu finden, d. h. ein Sein zu zeichnen, in dem die Gottheit nicht erst von der Natur her abgeleitet und legitimiert wird (etwa als ihr „erster Beweger"), sondern in dem im Vorhinein zwei Systeme von Phänomenen und Geschehen vorhanden und gegeben sind, die sozusagen ..natürliche" Natur und die anwesende Gottheit, die göttliche Erfahrung: diese Doppelwelt, von der die Thora im konkreten Verlauf unaufhörlich spricht, im allgemeinen Gedanken nachzukonstruieren — das hieße autochthone Philosophie des Judentums. In vierzehn inhaltsreichen und doch klaren „Sätzen" unternimmt Goldberg nichts geringeres, als diese ganze „Theologie" des- Hebräertums aufzustellen, die er der griechisch-christ- 132