Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Jüdisches Theater in Deutschland
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 110 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Theater in Deutschland Angesichts der mannigfachen Erörterungen, die der Spielplan des Kulturbund-Theaters ausgelöst hat, gibt hier ein außenstehender Theaterpraktiker einen Beitrag zu dem Problem. Eine objektive Betrachtung wird vor allem die einmalige jüdische Situation von 1933 im Auge behalten müssen. Denn ebenso wie die sozialen Probleme, die damals plötzlich sichtbar wurden, bleiben auch die kulturpolitischen Möglichkeiten und Notwendigkeiten kausal mit ihr verbunden. Die Voraussetzungen, die Vorbedingungen haben sich seither höchstens graduell verändert: die jüdische Situation in Deutschland hat sich klarer, eindeutiger profiliert; sie ist spezifischer geworden. Spezifisch müssen daher die Mittel sein, mit welchen man die im Geistigen, im Kulturellen, im Künstlerischen wurzelnden Aufgaben einer Lösung entgegenführt. Insbesondere ist diese Erkenntnis — daß es sich um ein spezifisches, ein geradezu einmaliges Problem handelt — für die Gestaltung eines jüdischen Theaters in Deutschland richtunggebend. Denn dieses Theater gab es zuvor niemals inmitten des deutschen Sprach- und Kulturkreises. Es fehlten 1933 infolgedessen alle dramaturgischen, artistischen, organisatorischen Vorbereitungen und Erfahrungen. Insbesondere war die geistige Basis nicht vorhanden: dem zu etablierenden spezifischen Theater fehlten die spezifischen Stücke. (Sie fehlen noch heute.) Jene Situation von 1933 wurde, was das Theater anlangt, auch betriebsorganisatorisch zu einem Spezialfall. In der Regel gründet sich ein Theaterunternehmen auf eine bereits zur Verfügung stehende spezifische dramatische Produktion. Freilich kennt die Theatergeschichte Fälle, in welchen die Konzeption eines Theaters (etwa die Idee einer weltanschaulich oder stilistisch fixierten Schaubühne) zuerst gegeben war. Die Vertreter einer bestimmten Weltanschauung, eines bestimmten artistischen Stils; ein geistig profilierter Dramaturg, ein Regisseur, Schauspielerpersönlichkeiten mochten die Vorstellung von einem ihnen gemäßen Theater haben, bevor sich ein fertiger geeigneter Spiel- 110