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Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 89

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
Presseschau: Erlebnisnahe Erziehung / F. F.
Date
1936-05-01
Page
89 (sequence 2)
Language
German
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antretenden Fragen der Wirklichkeit in ihr natürliches Recht, in ihre geschichtliche Bedeutsamkeit. So unsinnig es ist, die Behandlung einer Frage auf ihre völkische Verwertbarkeit abzustellen — das liefe nicht nur auf langweiligen Utilitarismus heraus —, so notwendig ist es, daß die allererste Stellung der Frage durchglüht sei vom Erlebnis ihres völkischen Wertes, nicht am Schreibtisch erdacht, sondern vom gemeinschaftlichen Leben aufgezwungen. Das ist der entscheidende Anstoß, durch den Erkenntnisse in das Leben der Nation, in Schule und Staat hineingesprochen undhijieingelebt werden können." F. F. Erinnerungen an Gustav Mahler das lieh sind und erst in späteren Zeiten voll gewürdigt werden können. Jetzt zeichnet sich langsam Bild seines Schöpfertums ab, wie spätere Jahrhunderte es sehen werden: aufwühlend, an die letztem Dinge rührend, wegweisend — aber auch tiefer Gewißheit voll, Frage und Antwort zugleich. Denn er wußte um die Höhen und Tiefen seiner Epoche und hat vorhergeahnt, was ihm sein Schicksal zu erleben ersparte. * Ist es nicht in höherem Sinne schicksalhaft, daß nach dem gewaltigen Ansteigen im letzten Jahrzehnt die Zahl der Mahler-Aufführungen stetig abnimmt? Gewiß lassen sich dafür auch äußere Gründe finden: vor allem der übergroße Apparat seiner Orchester, die Übersteigerung seiner Tonsprache und dergleichen mehr. Aber die wahre Ursache liegt wohl tiefer. Auch das Kunstwerk hat seine Gezeiten. Es steht ehern da, in sich abgeschlossen und vollendet, nur die menschliche Betrachtung und die so schnell wechselnde Einschätzung unterliegen der Veränderung. So meine ich, daß Mahler heute der jüngeren Generation in seinen wichtigsten Schöpfungen fast unbekannt ist. Dazu gehören vor allem die fünfte, sechste und siebente Symphonie, deren metaphysische Bezirke schon heute schwer zugäng- Vor mir liegt ein altes Konzertprogramm mit dem Datum: „Freitag, den 4. Jänner 1907." Erste Aufführung der Sechsten Symphonie. Eine unerhörte Spannung hatte schon seit Wochen das gesamte geistige Wien ergriffen. Sensationelle Gerüchte schwirrten umher. Mahler hatte das Riesenaufgeboi des Schlagzeugs noch um den mächtigen Hammer vermehrt, der an drei Stellen des Finales niederdröhnt. Nicht mehr die „Symphonie mit dem Paukenschlag", wie sie mehr als hundert Jahre zuvor Vater Haydn den mehr belustigten als erschreckten Londonern vorsetzte, sondern mit einem „mächtigen, dumpf hallenden Schlag", eben jenem Hammer, der als zermalmendes Schicksal die Katharsis einer zusammenbrechenden Welt versinnbildlicht. Aber stärker als dieses äußere Merkmai, ja selbst erregender als die unbegreifliche Suggestion, die von dem bleichen Mann vor dem riesenhaften Orchester ausging, wirkte die Überzeugung, die alle in seinen Bann zwang: einem wahren Schöpfungswunder beigewohnt zu haben. Europa neigte sich damals vor dem 89

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