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Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 88

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
Presseschau: Erlebnisnahe Erziehung / F. F.
Date
1936-05-01
Page
88 (sequence 1)
Language
German
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Presseschau: Erlebnisnahe Erziehung Der seelischen Überprüfung und Bestandsaufnahme unserer Lage, die zum Problemkreis dieser Zeitschrift gehört, entspricht ein Ausblick auf den gegenwärtigen Stand des Bildungsproblems in der Kulturphilosophie und pädagogischen Theorie um uns. Ein führender jugoslavischer Bildungstheoretiker, Professor Stanko G o g a 1 a , geht in einem gehaltvollen Aufsatz „Bilden und Erziehen" (Die Erziehung, 11. Jahrg., Nr. 6) von der Voraussetzung aus, daß nicht die Lehre die Kraft hat, sondern daß es das Schöne allein ist, dem sich die Seele auftut im tiefsten Erahnen ewigen Wertes. Wir können — erklärt Professor Gogala — durch alle Kulturgebiete das gleiche verfolgen. Überall ist es so, daß wir durchs Bilden mit Kulturwerten kulturreich und -weit, durch das Erziehen kulturlebendig und autonom, also wahrhaft zu Menschen werden. Da es viel leichter ist, zum Wissen zu verhelfen und Erkenntnisse zu vermitteln, als die Seele zum Leben und Erleben zu wecken, wird die Schule wohl im Bilden durch Kulturwerte ein ansehnliches Durchschnittsziei bei der Mehrheit ihrer Schüler erreichen können und müssen, nie aber wird es ihr gelingen, all die jungen Leute, die ihr anvertraut werden, für persönliches, wahres und allseitiges Kulturleben und Kulturerleben zu gewinnen. Bei der Überbürdung der Lehrpläne mit Lernstoff und der Schuljugend mit Lehrgegenständen und Schulstunden, worüber dem Erleben keine Zeit gelassen wird, kann es ihr nicht einmal in psychologisch möglichen Fällen gelingen. Da wir noch immer viel zu viel Bildner und Lehrer sein müssen, können wir leider viel zu wenig Erzieher werden. Beim Erziehen nämlich muß der ganze Mensch zum ganzen Menschen sprechen, und deshalb wird bei wahrer Erziehungsarbeit viel mehr noch als beim Bilden, das sich ja nur an Erkenntniskräfte wendet, der Psychologie des Einzelnen das Wort zuerkannt werden müssen. Es nimmt das Persönliche im jungen Menschen, sein Subjekt in Anspruch undmuß das Persönliche des Erziehers ausstrahlen. Eine einzige Erziehungsmacht weist die Wege zur Seele des Zöglings: die Macht des eigenen regen und vollen Kulturlebens. Nur wer Wertvoiles erlebt und erahnt hat, kann Werte erahnen und erleben lassen. Nur wer eine lebende Seele hat, kann Leben wecken und Leben spenden. Die gleiche Forderung nach einer erlebnisnahen Erziehung erhebt Kurt Stegmann von Pritzwaldin einem Aufsatz „Die erzieherischpolitische Position der Sprachwissenschaft" (Volk im Werden, 4. Jahrg., Nr. 4.) Ebenso wie Gogala die Formung des Menschen über die bloße Belehrung stellt, gibt Stegmann von Pritzwald einer organischen Sprachauffassung vor einer nur grammatischen den Vorzug. „Erlebnis als Ausgangspunkt", so erklärt er, „bedeutet Loslösung vom verschachtelnden Wissenschaftsbetrieb, Abwendung von der Lust der Etikettierung, bei der das wissenschaftliche Verhalten von prinzipiellen Ordnungen her seinen Anstoß erhält, und Einsetzung der täglich an den Sprachwissenschaftler her- 88

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