Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Sigmund Freud und die Psychoanalyse
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 79 (sequence 3)
- Language
- German
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Freud und die Psychoanalyse als „via regia" für dieses gleichsam unterirdische Seelenleben glaubte Freud, den Traum ansehen zu dürfen. Damit bekannte er sich als Wissenschaftler zu der seit Urzeiten her bestehenden Volksmeinung, daß Träume einen Sinn haben, und suchte nun den Weg, diesen Sinn zu ergründen, d.h. den Traum zu deuten. Den Ursprung von Neurosen suchte und fand Freud allzuoft in der sogenannten Ödipussituation, dem Konflikt zwischen Liebe und Haß, dem jedes Kind den Eltern gegenüber preisgegeben ist. Somit war der zentrale Ursprung der meisten Neurosen in die Familie und deren zartinnigste Beziehungen untereinander verlegt. Klingt dieser neue Ödipuskonflikt nicht wie Spott auf das Gebot der Bibel: „Du sollst Vater und Mutter ehren"? Wer darum weiß, welch überragende Rolle die sogenannte Pietät in manchem Familienleben spielt, wird begreifen, daß diese scheinbar objektiv gewonnene Erkenntnis für einen Seelenforscher wie Freud fast tragisch zu nennende Bedeutung erlangen mußte. Wenn auch von mancher Seite, und wohl mit Recht, die Verallgemeinerung des kindlichen Ödipuskonfliktes abgelehnt wurde, insofern hier die Traumsituation nur Fassade für einen tieferen, allen Menschenkindern gemeinsamen, geheimen Inhalt sein konnte, hielt Freud an seiner Sexualtheorie fest und glaubte, die Ödipussituation sogar zum tragenden Pfeiler seiner Lehre machen zu müssen. Welche Absicht leitete ihn hierbei? Vor Entdeckung der Psychoanalyse gab es zwei Arten beobachtender Psychologie: die sammelnd ordnende, wie wir sie von der Physiognomik her kennen, die man als eine Art Seelenherbarium ansprechen möchte, und die moderne, experimentell sinnesphysiologische. Beide waren beschreibende Naturwissenschaft. Als Freud sein Werk schuf, hatte Heinrich Hertz, der berühmte Physiker, gerade sein neues Erkenntnis-Ideal für die Naturwissenschaft formuliert. Über das Niveau einfacher Beschreibung erhebt sich Wissenschaft und wird eigentlich erst zur Wissenschaft, wenn sie an Stelle der einfachen Abbilder des Seins „selbstgeschaffene, intellektuelle Scheinbilder" setzt, wie sie die Chemie damals in den Atomen, die Physik im Begriff der Energie besaß. Als höchste Aufgabe der mit solchen Scheinbildern arbeitenden Naturwissenschaft bezeichnete es Hertz, daß sie uns befähigt, zukünftige Erfahrungen vorauszusehen. Ein intellektuelles Scheinbild dieser Art — Freud nennt es fälschlicherweise Symbol — wollte er der Psychoanalyse geben in dem Begriff der Sexualität, besser noch in der hinter ihr stets wirkenden Libido, die zugleich als Kraftmaß für die Sexualität dienen konnte. Aus dem Bestreben, über die einfache Beschreibung und über das intuitive Erkennen hinaus die Psychologie zu 79