Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Sigmund Freud und die Psychoanalyse
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 78 (sequence 2)
- Language
- German
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Felix Mayer etwa die sogenannten „Fehlleistungen", das „Versprechen von Worten" oder das „Vergessen von Namen", mußten sich außer den Ärzten auch weite gelehrte Kreise, besonders die Psychologen, mit Freuds Arbeit auseinandersetzen. Von dieser Seite wurde ihm schon der Name „Psychoanalyse" zum Vorwurf gemacht. Die Namengebung, die vielleicht bei Freud als naturwissenschaftlich eingestelltem Forscher in Anlehnung an die chemische Analyse entstand, wurde übelwollend als Auflösung, als Zersetzung gedeutet. Von da war nur noch ein kleiner Schritt zu der Behauptung von dem unheilvoll zersetzenden Einfluß, den die Psychoanalyse ausübe. Freud selbst, eine ausgesprochen kämpferische Natur, hat auf diesen Angriff erwidert, indem er solche Mißdeutung der Analyse nicht nur als sophistische Überspitzung einer Namensanalogie bezeichnete, sondern — dem Sinne nach — jedem seelisch analytischen Vorgang im einzelnen einen sogleich erfolgenden synthetischen Vorgang entsprechen ließ. Die eigentümliche Methode der Psychoanalyse wurde Freud, weil er ein guter Zuhörer war, von seinen Patienten selbst im Grunde als Geschenk dargebracht. Sie berichteten in der Sprechstunde immer neue Begebenheiten aus ihrem Leben, besonders aus der Kindheit, die unangenehm oder peinlich gewesen waren; sie reagierten, wie man zu sagen pflegt, im Erzählen ihre Affekte ab und fühlten sich dadurch für kürzere oder längere Zeit von ihren Krankheitssymptomen befreit. Bei erneuter Behandlung und bei neuen Krankheitsfällen ging Freud nun seinerseits auf die Suche nach autobiographischen Daten des Neurotikers, und zwar vorzugsweise nach solchen, die irgendwelche unangenehme oder peinliche Erregungen, d. h. Affekte mit negativen Vorzeichen, im Patienten ausgelöst hatten. Solche Erlebnisse waren, wie Freud annahm, auf dem Wege der Verdrängung aus dem Bereich des Wachbewußtseins als unlustvolle oder unmoralische ausgeschaltet worden, wirkten sich aber nun schädlich aus, wie ein tief gelegener Eiterherd, der unheilvolle Nah- und Fernwirkungen auf den ganzen Organismus ausübt. Wollte man die scheinbar unbegründete Angst, die einen Neurotiker hinderte, mit der Straßenbahn zu fahren oder einen menschenleeren Platz in der Stadt zu überschreiten, wirklich beseitigen, so mußte man nach Möglichkeiten suchen, diese affektgeladenen, dem Wachbewußtsein aber nicht mehr erinnerlichen Erlebnisse aufzudecken. Um so wichtiger war es, als Freud zu der Erkenntnis gekommen war, daß unser anscheinend so logisch funktionierendes Wachbewußtsein weitgehend von stimmungsartigen Inhalten beeinflußt werde, die sich der üblichen Tageslogik nicht einordnen lassen; sie sind zwar nicht unlogisch, aber prälogisch. Das weite Gebiet des nicht Gewußten, Stimmungsmäßigen nannte Freud das „Unbewußte". Als Fundstätte bzw. 78