Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Die Sagen der Juden [Rezension]
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 48 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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genommen wurden, aus religiösen Gründen zu veredeln, wird deutlich, und in mancher Hinsicht wird auch am jüdischen Beispiel die Verwandtschaft zwischen Mythologie und Psychologie aufschlußreich. Dies Sagengut, ein unentbehrliches Gegenstück zum „Born Judas", bin Gorions Märchensammlung, die man mit „1001 Nacht" verglichen hat, ist durch diese handliche Ausgabe nun einem großen Leserkreis deutscher Sprache erschlossen: eine der schönsten Möglichkeiten, sich das jüdische Schrifttum älterer Zeit in seiner reizvollsten Gestalt zu eigen zu machen. Lutz Weltmann. E. G. Kolbenheyer, Neuland. Zwei Abhandlungen. Albert Langen I Georg Müller, München 1935. Nach seinem philosophischen Hauptwerk „Die Bauhütte" versucht Kolbenheyer in den beiden vorliegenden Abhandlungen seine Anschauungsweise erneut zu aktualisieren. Den Leser fesselt vor allem die erste, „Der zweifache Weg zur Wahrheit" genannt. Die in Romantik und historischer Schule bis zu Richard Wagner hin ausgeformte Grundlinie des deutschen Denkens führt Kolbenheyer folgerichtiger als Spengler zu einer „biologischen Geschichtsbetrachtung" hin: er sieht in der Geschichte der Menschheit im Grund die Anpassungsreaktionen eines nur reaktiv bewußten und eines daraus sich entwickelnden eigenständigen Menschentums auf die Spannungszustände der umgebenden Welt. Dem entsprechen die beiden „Seelenräume", die er unterscheidet und die man als den Raum der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur und der Auseinandersetzung mit der Geschichte bezeichnen kann. Die fortschreitende Gehirndifferenzierung, von der der Prozeß, den er schildert, begleitet ist, findet seine Grenzen in der Erschöpfung der Lebenskraft eines Volkes. Kolbenheyer nennt diese Lebenskraft die „plasmatische Mächtigkeit". Kolbenheyer erkennt nur dem deutschen Volk die Jugendlichkeit bei gleichzeitig fortgeschrittener Differenzierung zu, die allein nach ihm den Fortbestand der weißen Rasse sichert; doch geht er an der schweren Problematik, welche die deutsche Geschichte bietet, nicht vorüber. Das in ihr erkennbare Entwicklungsgesetz hebt sich seiner Auffassung nach scharf ab vom Rationalismus der romanischen Völker, von dem aus weitere Wege in die Zukunft nicht erkennbar seien. In Deutschland habe eine mediterrane Formenwelt ursprüngliche, nicht ausgelebte und auch nicht mehr auslebbare eigene Erlebniszustände überlagert. Daher sei das deutsche Leben rätselhaft und unausgeglichen geblieben: überständig gewordene Formen seien immer wieder in stoßweisen Erschütterungen abgeworfen worden, weil unter ihrer Kruste das eigentliche innere Wollen des Volkes ungestillt blieb. Sehr bedeutsam ist, was Kolbenheyer in diesem Zusammenhang über das „vorreligiöse" Wesen der deutschen Frömmigkeit sagt, die nicht fähig sei, über ihr weltenweites Suchen zu festen Formen zu kommen. Die Grenzen solcher biologischen Betrachtungsweise liegen freilich darin, daß sie ihrer Art nach nicht im Stande ist, Forderungen aufzustellen und Ziele zu weisen. W. C-n. 48