Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Die Sagen der Juden [Rezension]
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 47 (sequence 1)
- Language
- German
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Die Sagen der Jaden „Die Sagen der Juden", die Micha Josef bin Gorion sammelte, erschienen zwischen 1913 und 1927 in fünf Bänden. Jetzt haben Rahel und Emanuel bin Gorion eine neue Ausgabe in einem Bande herausgebracht, eine Dünndruckausgabe von 787 Seiten, die als Volksausgabe gedacht ist und den Schocken-Verlag als „Insel- Verlag'' unter den jüdischen Verlagen zeigt. Es muß nämlich vorangeschickt werden, daß es sich in erster Reihe um ein „schönes Buch" handelt; der Leser soll diese Sagen, die sämtlich Paraphrasen zu biblischen Themen sind, als Dichtungen genießen und durch keinen wissenschaftlichen Apparat darin aufgehalten werden. Die Anordnung folgt der Bibel, so daß es verhältnismäßig leicht ist, die Varianten oder Ergänzungen zu übersehen. Micha Josef bin Gorion hat die ebenso reichen wie entlegenen Quellen — auch das hebräische Schrifttum der Karäer und Samaritaner wie das aramäische wurde berücksichtigt — nahezu lückenlos zusammengestellt, — ein kunstvolles Mosaik nachbiblischer Ranken um die Erzählungen der Bibel, aber in einer Absicht, die sich von der der Quellen wesentlich unterscheidet: es ist keine religiöse, sondern eine weltlich nationale Sammlung, kein „Midrasch zur Bibel", sondern die Sammlung von „Sagen der Juden". Vielleicht hätte es sich empfohlen, für die Stellen, von denen verschiedene Versionen vorliegen, einen kleineren Druck zu wählen, so daß sich die nächste Stelle im größeren Druck an die erste Version anschlösse; da der Fluß des Lesens doch unterbrochen wird, hätte solch ein Verfahren die Übersichtlichkeit wesentlich erhöht Ein Anhang verzeichnet die Quellen, talmudische und kabbalistische Werke, hebräische Drucke aus dem Mittelalter, der Renaissance und dem Barock. Die Sagen der Juden dienen im allgemeinen nicht der Aufhellung vorgeschichtlicher Zeit. Sie sind Ergebnisse der Bibel-Auslegung, bei der sich jener einziggeartete Vorgang wiederholt, daß das heilige Buch der Juden das bedeutendste Epos der Weltvölker wurde: in der Bibelerklärung der Frommen kam auch ein altes Fabuliertalent erneut zum Durchbruch. Aber es gibt sich sozusagen unwillkürlich; denn der bewußte Wille ist fast durchweg ethisch gerichtet; so wird die Motivierung der Bibel immer wieder nachempfunden, ihre Wucht verstärkt oder gemildert: Helden werden verurteilt, biblische Sünder entlastet, indem ihnen edlere Motive unterschoben werden wie den Töchtern Lots, oder Unkenntnis von Ereignissen wie bei der Rache der Jakob-Söhne an Sichern. Die jüdische Mystik findet hier ihren Niederschlag wie fremde Philosophie oder griechische Literatur, die Seelenwanderung, die Auferstehung der Toten wie tiefes Grübeln um den Sinn der Sünde, heidnischer Dämonenglaube, naive Verknüpfung und primitives Zuendeführen der Motive. (Hagar wird als „Ketura" wieder Abrahams Frau, Joseph heiratet Dinahs Tochter Asnat, Josua die hilfreiche Hure Rahab, Nebukadnezar stammt von Salomo und der Königin von Saba ab usw.) Das Bestreben, die fremden Frauen, die in den Bund des Judentums auf- 47