Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Presseschau: Die Macht des Glaubens
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 41 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895554-2905920--08769-2905990- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
seilschaftlichen Leben entstehen, sondern zwischen ihnen, in einem eigentümlichen soziologischen Gebilde, das Marr die Bünde, Stapel die Bewegung nennt. Der tragende Faktor dieses Gebildes ist das enthusiastische Gefühlserlebnis. Historisch gesprochen heißt das: in Deutschland entsteht die nationalsozialistische Bewegung um die Gestalt Adolf Hitlers. Sein Ideal ist es, die Masse wieder zum Volk umzuschaffen. Zwar im Kampf um die Macht und um den Staat wird die Bewegung zur Integrationspartei, aber zu einer charismatischen Integrationspartei. Dem Wort Friedrichs des Großen: „Ich bin der erste Diener des Staates" steht das Wort Hitlers entgegen: Die Partei befiehlt dem Staate. „Das mittelalterliche Widerspiel zwischen Kirche und Ordensbewegung der Kluniazenser hat seine Parallele an dem Verhältnis Staat und Partei." Der sehr lesenswerte Aufsatz kann hier nicht ausführlicher behandelt werden. Es ist interessant, wie auf einem scheinbar so entgegengesetzten Gebiete Worte und Vergleiche der Theologie auftauchen. Auch die inhaltlichen Berührungspunkte bleiben bemerkenswert; das Mißtrauen gegen den Gesetzesstaat (Ratio und Wissenschaft), den, wie Stapei schreibt, die Juden und die Calvinisten lieben, während die Lutheraner in ihm völlig desorientiert seien, das Eindringen des Irrationalen, die neue ausgesparte Distanz aller Erlebnisbeziehung zu dem Führer des Staates gegenüber jenem „künstlichen König"', dem Präsidenten (Jenseitsreligion und absoluter Gottesbegriff) und endlich die neue Gemeinschaft, entstanden und vertieft durch gemeinsames Leben und gemeinsame Arbeit (Lager), eine Arbeit, die ihres „unwirtschaftlichen" Zieles wegen zum Dienst an der Idee wird und ein neues Ethos schaffen hilft (Gebetsgemeinschaften). All dies: verschiedene Symptome auf verschiedenen Ebenen, verbunden durch den Strom der Gleichzeitigkeit. h. c. Chaim Arlosoroff Der Hechaluz-Verlag zu Berlin erweitert die Reihe seiner wertvollen und gepflegten Veröffentlichungen mit einem Sammelband „Chaim Arlosoroff, Leben und Werk", in dem Schriften, Reden, Tagebücher und Briefe des jungen zionistischen Führers vereinigt sind. Aber es zeigt sich, daß der Zweiheit des Titels — Leben und Werk — im strengen Sinne keine Zweiheit des Inhalts entspricht. Kein abgerundetes geistiges Vermächtnis steht der Lebensbeschreibung des durch ein tragisches Geschick allzufrüh Gefällten gegenüber; dem Chaluz Arlosoroff, der im Jahre 1921 nach Palästina ging und durch Aufbau, Krisen und Unruhen hindurch mit wachsendem Erfolg dort wirkte, blieb keine Zeit für beschauliche Arbeit an umfangreichen Untersuchungen. Auch wenn ihn im Jahre 1933 nicht die Hand des Mörders aus einer Zeit erhöhten Krafteinsatzes herausgerissen hätte, wenn er die steil nach oben weisende Kurve seines Lebens hätte vollenden dürfen, wäre dieses Ergebnis kaum anders gewesen: Arlosoroff wirkte, indem er lebte — sein Leben und Werk sind eins. 41