Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Presseschau: Die Macht des Glaubens
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 39 (sequence 1)
- Language
- German
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Presseschau: Die Macht des Glaubens In einer interessanten Studie über neue Formen der Frömmigkeit von Alois Dempf („Begegnung der Konfessionen", Hochland, Heft 6) wird die Beziehung zwischen den Frömmigkeitsströmungen der Gegenwart und einer ihnen entsprechenden theologischen Richtung untersucht. Unter Frömmigkeit wird dabei „die Beziehung des ganzen Menschen zu Gott, die sich in Gebet und Betrachtung, Kult und Ethos äußert" verstanden. Der Verfasser erklärt einleitend, das Fehlen einer Geschichte der Frömmigkeitstypen bedeute eine wesentliche Lücke, und nur die Aktualität der Aufgabe wiege einen Teil der Schwierigkeit solcher Untersuchung auf. Wie bestimmte Kunstrichtungen aus bestimmten Formen der Frömmigkeit hervorgingen (die franziskanische oder die ignatianische etwa), so gehöre auch zu jeder Theologie ein bestimmter Frömmigkeitstyp: „So ging etwa die modernistische Theologie der Vorkriegszeit aus einer Haltung hervor, die man kurz als Kulturgläubigkeit oder als innerweltliche Askese bezeichnen könnte. Zur liturgischen Frömmigkeit unserer Tage gehört dementsprechend ein geistiges und d. h. auch theologisches Verhältnis zu jener übernatürlichen und übersinnlichen Wirklichkeit, der die fromme Anbetung gilt... Zwischen den neuen Frömmigkeitsströmungen und der vergangenen religiösen Haltung liegt aber offenbar eine schwere seelische Erschütterung, die solche Wandlungen hervorgerufen hat." Die Kulturgläubigkeit der von Wirtschaft und Technik beherrschten Vorkriegszeit war im Kern Glaube an die Wissenschaft und ihre wirtschaftliche Anwendbarkeit. Die Wissenschaft hatte den unerhörten Aufstieg der kapitalistischen Gesellschaft herbeigeführt; Liberalismus und Sozialismus zogen ihre Selbstsicherheit aus dem Glauben, wissenschaftlich begründet zu sein. Dennoch bestand ein schmerzlicher Seelenkonflikt zwischen dem religiösen Glauben und dem Glauben an die Wissenschaft. Es ist der heutigen Generation schon unverständlich, welch schwere Gewissenskämpfe, besonders in echt gläubigen, theologisch gebildeten Kreisen ausgefochten wurden, um naturwissenschaftliche Wahrheiten, die als unerschütterliche Dogmen geradezu konfessionellen Charakter annahmen, in Übereinstimmung mit den Glaubenssätzen zu bringen. Die Tragik dieser Situation ist ebenso deutlich wie die seelische Entlastung, die wir in dieser Hinsicht durch die inzwischen eingetretene Wandlung der Kulturlage erfahren haben. Worin besteht der Grund dieser Wandlung? Der Glaube an die Wissenschaft ist erschüttert, nicht weil die Wissenschaft, sondern weil ihre Anwendung versagt hat. Es ist inzwischen erkannt worden, daß „die Lebensbewältigung nicht allein durch Verwaltung, Technik und Industrie gelingt. Ganz andere Geistes-, Willens- und Gemütskräfte müssen in der Menschheit aufgerufen werden, wenn sie wieder zu sich selber kommen soll. Der Absturz der gesamten Zivilisation hat den Glauben an den Rationalismus zerstört, was jedoch leid er durchaus noch nicht dem echten Glauben zugute kommt, sondern zunächst nur den Irrationalismus, also den umge- 39