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Der Morgen · 1936-04-01 · Heft 1 (April 1936) · p. 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 1 (April 1936)
Article
Mizwa und Geschäft
Date
1936-04-01
Page
32 (sequence 2)
Language
German
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Gusti Hecht Die Juden lebten einsam in den kleinen Marktflecken, ein paar Menschen, die, wenn sie sich aus der Bodenluke ihrer Häuser reckten, nicht weiter sahen als bis zu dem Kreis, den Felder und Wiesen in den Himmel einschneiden, und die auch nicht viel weiter kamen, wenn sie einmal über die Landstraße schritten. Und ihre Söhne und Töchter wuchsen heran, zahlreich, wie das Gebot es befiehlt, und wenn sie sich aus dem Fenster reckten, sahen auch sie nicht weiter als ihre Eitern, kannten ebenso wenig Menschen wie diese und fanden selbst nur ganz selten den richtigen Partner aus dem Nachbarhaus, dem sie die Hand für das ganze Leben reichen mochten. Aber der Rabbiner, der kannte den nächsten und den übernächsten Marktflecken, der kannte die Söhne und Töchter der ganzen Welt hinter dem Kreis und wußte nicht nur, wie die jungen Menschen aussahen und welche Neigungen sie hatten, er kannte, was viel wichtiger war, das Jichus, den Ruf der Familie, die Abstammung bis zu den Urahnen. So konnte er zusammenfügen was zueinander paßte, auswählen und sichten, — ein richtiger Künstler, der Verstand und Gefühl walten ließ, um das Glück zweier Menschen, die Harmonie einer Ehe in ihren berechenbaren Grenzen aufzubauen: ein Bauwerk, das seiner Konstruktion nach wohl schwieriger ist als jedes andere. Nun, wenn wir von den berechenbaren Grenzen sprechen, so scheint es, daß wir just damit ein gefährliches Wort ausgesprochen haben. Denn es taucht auf einmal der Schadehen auf, nicht mehr als weiser und gütiger Rabbiner, sondern als irgendein kleiner, geschäftiger und beweglicher Mann, beredt, etwas zu beredt, und mit einer Liste oder gar einer Kartei. Wir sehen ihm mit Mißtrauen entgegen, mit tausend Vorbehalten. Er führt die berechenbare Grenze im Banner. Wir haben nichts gegen ihn, nur gegen die berechenbare Grenze, — wenn wir noch sehr jung sind. Denn in der Jugend ist das Nicht-berechnen-können ein Glaubenssatz. Berechenbare Dinge sind nüchtern und trocken wie eine algebraische Gleichung oder ein physikalisches Gesetz. Wie könnten sich junge Menschen darein fügen, eine Ehe zu berechnen? Die Ehe, die mit der Zukunft, mit dem Leben gleichbedeutend ist? Aber die Jugend ist noch nicht der einzige Grund. Denn zu den Zeiten, als der Rabbiner Schadehen war, waren die jungen Menschen auch jung, und sie fügten sich trotzdem in die Methode. Es bleibt nichts anderes übrig, als alte Binsenwahrheiten aufzutischen, um die heutige Jugend und den Schadehen zu verteidigen. Die alten Binsenweisheiten von den veränderten Zeiten, der veränderten Jugend und ihren veränderten Lebensansichten. Und wir müssen von der Jugend aus dem westlichen Europa 32

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