Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Voraussetzungen jüdischer Auswanderungspolitik
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
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Arthur Prinz: VöTaUSSetZUtlgetl judischer Auswanderungspolitik Wir geben der folgenden Arbeit um so lieber Raum, als in ihr aus praktischen Notwendigkeilen sich eine Synthese von Parteimeinungen zu einer jüdischen Haltung vorbereitet. Der Verfasser legt übrigens Wert auf die Feststellung, daß der Aufsatz nur seinen persönlichen Standpunkt wiedergibt. I. Drei Jahre sind ins Land gegangen seit jenem 1. April, der den Juden Deutschlands die Veränderung ihrer rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Stellung mit schmerzlicher Eindringlichkeit zum Bewußtsein brachte. In diesen drei Jahren ist der Gedanke an Auswanderung bis in die letzte, bis in die bodenständigste jüdische Familie eingedrungen, und in der jüdischen Öffentlichkeit ist das Auswanderungsproblem mehr und mehr zum Brennpunkt der Erörterung geworden. Gleichzeitig haben ungefähr 100 000 Menschen, etwa ein Fünftel der deutschen Juden, tatsächlich ihre Auswanderung vollzogen — durch die doppelte Sperrkette der Hindernisse hindurch, die einmal die deutschen Devisengesetze, dann aber die im Zuge der Weltwirtschaftskrise fast überall errichteten oder verstärkten Einwanderungsschranken vor ihnen aufgetürmt hatten. Höchstens ein knappes Drittel dieser 100 000 Auswanderer dürfte sich heute noch in Europa befinden; ein zweites Drittel lebt in Palästina, mindestens ein Drittel in überseeischen Ländern1). Im einzelnen verteilt sich die bisherige jüdische Auswanderung, so viel man weiß, auf etwa 40 Staaten. Diese 100 000 Menschen bilden aber wahrscheinlich erst die Vorhut einer weiteren gewaltigen Auswanderung; zeigt doch nichts deutlicher, wie sehr die Judenheit Deutschlands in Bewegung geraten und im Aufbruch ist, als die immer weiter um sich greifende Auflösung der Kleingemeinden, die gerade das seßhafteste, alteingewurzelte jüdische Element enthielten, und der starke Zug zur Großstadt, für den nicht zuletzt die Hoffnung bestimmend ist, von hier aus leichter Auswanderungsmöglichkeiten zu finden. Die fortschreitende Liquidierung jüdischer Unternehmungen, die in der Regel die Erwerbslosigkeit der dort beschäftigten jüdischen Arbeitnehmer nach sich zieht, die besonders schwere Not der vielen Tau- J) Hiervon sind schätzungsweise 10000 nach den Vereinigten Staaten, gut 5000 nach Brasilien, etwa 2000 nach Argentinien, 2—3000 nach Südafrika gegangen; ferner wohl mindestens 600 nach Chile, und mehrere hundert nach Paraguay und Uruguay. 10