Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Die Fahrt ins Wunderland [Rezension]
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 566 (sequence 2)
- Language
- German
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gerichtigkeit, mit der er uns auch die Auseinandersetzung mit der nichtjüdischen Umwelt verheimlicht. Die Fahrt geht merkwürdigerweise zunächst nach Palästina, wo man 14 Tage auf den Anschlußdampfer warten muß. In diesen 14 Tagen aber bricht das Heimweh wie eine ansteckende Krankheit aus: Heimweh sowohl nach der eben erst verlassenen Heimat wie auch Sehnsucht nach einer bleibenden Stätte, durch die die schicksalhafte Wanderung endlich ein Ende nähme. Da aber bekanntlich nicht alle Juden nach Palästina übersiedeln können — so läßt Frank ein Mitglied der Reisegesellschaft argumentieren —, und da ja unsere Reisegesellschaft keine Einreisegenehmigung hat, bringt sie das Opfer des Verzichts und fährt weiter. Außer der Heilung des Heimwehs durch die Therapie des Geschichte- Erzählens ereignet sich nach des Verfassers eigenen Worten weiter nichts, als daß sich zwei Paare in Liebe finden. Die heilsamen Geschichten reichen alle ins 18. Jahrhundert zurück und handeln von tapferen und geschäftstüchtigen Urgroßmüttern, von künstlerisch angehauchten Urgroßvätern und heroischen Urahnen. Der Kuriosität halber sei die Erzählung Franziskas, eines rationalistischen aber in Gesang ausgebildeten Mädchens, kurz angedeutet: Es singt im tiefsten Odenwald ein Schubert- Lied, erregt den Unwillen eines Jägers, der mit grünen Zweigen verkleidet auf Anstand steht und dem Franziska das Wild verscheucht hat. Der Jäger, dem die Stimme gefällt, entpuppt sich als Kunstverständiger und Mäzen, der Franziska auf seine Kosten in Frankfurt ausbilden läßt. Daß auch dieser Jäger ein Jude ist, ist für den Verfasser so selbstverständlich wie es für den Leser unwahrscheinlich ist. „Und in Birma angekommen, fängt ein neues Leben an..." Sie wohnen in Laubhütten, pflanzen Reis, Tee und Tabak und sind bald imstande, ein eigenes Auto zu unterhalten. Schließlich bauen sie eine Synagoge im Pagodenstil. Eine Tante schickt Geld für eine Zigarettenfabrik mitsamt einem ungeratenen Neffen, der sich vermutlich dort endlich verheiraten wird. Durch den Tod eines älteren Arztes, der an Heimweh und an der Malaria stirbt, wird das Idyll vorübergehend getrübt. Aber der Verlust dieses Mannes wir ddurch „frohe Ereignisse", auf die wir vorbereitet werden, mehr als wettgemacht. Also, auf nach Birma!? Nein, nach des Verfassers eigenen Worten kommt nicht nur Birma als Siedlungsgebiet in Frage. „Das Land Birma steht für manches andere Ziel, weil es uns am fernsten liegt", sagt er. In diesem Roman wird bewußt oder unbewußt mit einer bestimmten gefährlichen Wirkung auf das Publikum spekuliert; deshalb ruft er uns auf den Plan. Gegenüber einer von ihm ausgelösten, bedenklichen Stimmung ist die künstlerische Unzulänglichkeit weniger wichtig. Der Roman ist im Grunde ein protokollierter Wunschtraum von Gruppen, die nicht auswandern können oder nicht auswandern wollen, weil diesem Wunschtraum sehr reale Gegebenheiten entgegenlaufen. Es handelt sich um die Träume von Gruppen, die bereits heute (im vierten Jahr nach der Nationalen Revolution) auch die Vergangenheit nur unter der Perspektive des Gettos sehen können. Es treten nur Juden auf. Gruppen, die draußen 566