Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Der heilige Berg
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 562 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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die Charakteristik ist dann ins Einmalige emporgetrieben, ins Ungemeine erhöht. Nossig hat, mit konventionellen Mitteln und unzureichendem Können, versucht, was heute auch einem Größeren versagt bliebe. Und dabei übergehen wir noch die Bedenken, die gegen eine plastische Darstellung biblischer Gestalten überhaupt von jüdischer Seite bestehen müssen. Wenn wir aber sehen sollen, was uns zu hören aufgegeben ist, so müßte es uns mit ähnlicher Gewalt packen und ergreifen wie das Wort. Das ist der einzige Maßstab, der an solche Darstellung zu legen ist. Bernhard Baer. Zwei Lehrbücher des Ritus Der Gelehrte, dem seine Wissenschaft Herzenssache ist; der gläubige Theologe, der den Menschen aufrichten will; der weltliche Schriftsteller, den es treibt, Ordnung zu schaffen im geistigen Haushalt — sie alle, wenngleich sie das, was sie sagen, aus innerem Zwange sagen und nicht daran denken, ob auch nur ein einziger sie höre: bestätigt, befreit und für alle Entsagung belohnt sind sie doch erst dann, wenn ihrer Rede auch eine Wirkung in die Weite und Breite beschieden ist. Der schöpferisch Geistige ist einsam, der nach der Belehrung Dürstende ist es auch; wie selten, fast einmalig ist ein Phänomen wie das heutige: daß eine ganze Gemeinschaft bewußt und hingegeben auf Unterweisung wartet. Wer jetzt über jüdische Geschichte und jüdisches Schrifttum, über Religion und Brauch selbst in der dürftigsten Form sich äußert, kann seiner Leser sicher sein. Verringert das seine Verantwortung oder erhöht es sie? Der Autor, der in diesen Tagen zum Mittler jüdischen Gutes wird, der wird noch härterund unnachsichtiger gegen sich selbst sein müssen, als es jemals vonnöten war. In einer Zeit wie der heutigen erliegt der Schreibende nur zu leicht der Verlockung, sich mit seiner Leserschaft zu einer Märtyrergemeinde zusammenzuschließen, und vergißt, daß von ihm nicht Teilnahme verlangt wird, sondern Mitteilung, nicht Wehleidigkeit, sondern Sachlichkeit. Er wird sich fernhalten müssen auch von jeder Verherrlichung seines Themas und nicht nachgiebig sein dürfen gegenüber den Regungen von Größenwahn, die einer verschüchterten, durcheinandergewirbelten Menge wohl zu verzeihen sind, dem Lehrenden aber nicht anstehen. Verlangt wird die nackte, positive Leistung; ob der Verfasser dabei einen Namen gewinnt, ist gleichgültig. Die Wißbegierde brennt in allen; wer ihr zu genügen beruf en ist, wird keine wohlfeile Rede mehr wagen. Im vergangenen Jahr sind zwei volkstümlich gedachte Einführungen in den jüdischen Werk- und Feiertag erschienen: „Praktische Judentumskunde" von Leo Hirsch (im Vortrupp-Verlag, Berlin) und „Das jüdische Jahr" von Manfred Swarsensky (bei Ernst Köstenbaum, Berlin, in einer Sammlung „Jüdisches Wissen"). Der Umschreibung des Inhalts entspricht der zweite Titel besser; Kunde des Judentums ist ja wohl ein mehr umfassender Begriff, der auch Geschichte, Sprache und Literatur miteinschließen müßte. In 562