Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Der heilige Berg
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 561 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wirklichen Vorgang, in ein naturalistisches Zugleich. Ist Nossig nie das Komische dieser Szene aufgegangen: die beiden Könige Thron an Thron in gemeinsamer Beschäftigung? Ein Nebeneinander wäre möglich in der stilisierten Reihung wie an gotischen Kirchenportalen. Irgend eine plastische Bindung der Figuren der Gruppe besteht nicht; sie stehen irgendwie herum: Boas und der Hohepriester könnten beliebig ausgetauscht werden. Die gleiche Willkür ohne gestaltende Idee herrscht in der gegenüberstehenden Frauengruppe, die nur nach dem blassen Begriff „Frauen" zusammengestellt ist. Ebenso die Gruppe der Wächter: Juda Makkabi, Bar Kochba und Simson. Ohne den Davidstern auf dem Schilde Bar Kochbas glaubte man eine alte Hoftheaterinszenierung vor sich zu haben, mit wallendem Bart, mit trutzigem Blick, — dräuende Heldenbaritone. Die Gruppe des „Mosesfelsens", offenbar zu anderer Zeit entstanden, ist dagegen ganz ins Ornamentale geraten. Die drei Gestalten — Moses mit hochgereckten Armen, Abraham und Jakob ihn stützend — sind nur mehr ein dekoratives Gefüge, Ornament ohne Bedeutung. Die Prophetengruppe —drei bärtige Männer mit dem Hammer am Amboß, allzu wörtlich das Schwert in den Pflug umschmiedend — ist wieder ganz naturalistisch. Wie sollen diese Figuren sich ausnehmen, wenn sie erst noch ins Überlebensgroße gezerrt und aufgebläht werden? Wie wird sich dann der Wirrwarr der Stile, der Mangel plastischer Komposition auswirken? Wenn der erste Wurf so lahm, so leblos gerät, wie soll die Vollendung im Großen bestehen? Man braucht nur an plastische Skizzen des Barock, Schadows, Rodins zu denken; wie lebt dort schon im Keim die künftige Gestalt! An Nossigs Figurinen, die der Anschauung der Dore- Bibel, der gutbürgerlichen, etwas opernhaften Orientvorstellung des vorigen Jahrhunderts entstammen, kann man sich ein Wachsen, ein Weiterbilden nicht vorsteEen. — Im Kolossalen seiner Ansprüche, im Maßlosen des Plans, im Kleinlich-Ungeistigen seiner Ausführung kommt das Werk geradeswegs von den historisch-enzyklopädischen Denkmalsideen des 19. Jahrhunderts. Noch Rodin hat — auf anderer Ebene — den Aufbau plastischer Welten geplant: den „Turm der Arbeit"; die „Höllentore". Aber nicht einmal seine Schöpferkraft reichte dazu aus: es fehlten und fehlen alle Voraussetzungen für die Entstehung solcher Werke: eine gemeinsame Anschauung der Welt, ein verbindlicher Stil, eine menschliche Gemeinschaft. Darum vollbrachte das Mittelalter, woran das 19. Jahrhundert scheiterte. Zwei mittelalterliche Werke seien genannt, verschiedener Zeit, grundverschiedener Art, weil in ihnen sich ganze Gruppen alttestamentischer Gestalten zusammenfinden und weil sie zwei Pole möglicher Darstellung aufweisen. Die Propheten am Georgenchor des Bämberger Doms und Sluyters Mosesbrunnen in Dijon. In Bamberg ist von allem Individuellen abgesehen; die Stufe des körperhaft Wirklichen ist übersprungen und der Urgrund der geistigen Erscheinung unmittelbar aufgesucht. Sluyter gibt wirkliche Gestalten, diesseitig, mit Merkmalen sogar des Jüdischen; aber 561