Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Presseschau: Neues Geschichtsbewußtsein / F. F.
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 559 (sequence 1)
- Language
- German
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Presseschau: Neues Geschichtsbewußtsein Die Frage nach dem jüdischen Geschichtsbewußtsein, die im vorliegenden Heft unserer Zeitschrift gestellt wird, lenkt unwillkürlich den Blick auf die Wandlungen des Geschichtsbewußtseins der Umwelt, die auf dem Hintergrund einer von Grund auf veränderten Zeit sichtbar werden. Wie stark jene Wandlungen — wenn auch nur indirekt — auf unsere Fragestellung zurückstrahlen, lehrt etwa nachstehender Satz: „Gemeinschaftsbildende Überlieferungen von höchstem Wert können auch dann entstehen, wenn Stärke, geographische Lage und Geschichte einer Volksgruppe eigene Staatenbildung nicht erlauben." Dieser Satz steht in Hermann U11 - manns Aufsatz „Das Außendeutschtum und das deutsche Geschichtsbewußtsein" (Europäische Revue, 12. Jahrg., Nr. 2), der der Bildung des neuen Geschichtsbewußtseins nachspürt und von der Voraussetzung ausgeht, daß düe Grenzen des Kernstaates keine geistigen und seelischen sind, oder besser, es nicht sein dürfen. Jedes Volk, das Geschichte macht, lebt — wie Ulimann ausführt — einem Bilde nach, das es sich von seiner Vergangenheit und von seinem Wesen entworfen hat. Ist das Geschichtsbild, das ein Volk von sich selbst hat, unklar, uneinheitlich, gebrochen, so ist auch sein Zukunftswille unklar, uneinheitlich, gebrochen. Zu einer Zeit, da Völker mit scharfen geographischen Grenzen und mit politisch vorherrschenden Kernlandschaften gleichzeitig mit der Schaffung eines eigenen Staates sich zur Nation gestalteten, war das Volk der europäischen Mitte der Träger einer universalistischen Ordnung des Abendlandes; aber dieses Reich hatte keine Grenzen und sank nach dem Zusammenbruch der mittelalterlichen Autoritäten in Machtlosigkeit. Und zur selben Zeit, da die großen europäischen Nationen in ihr Mannesalter eintraten, war das deutsche Volk durch innere Kämpfe zerfleischt, und selbst seine Sprach- und Kultureinheit schien bedroht. Der Dualismus Preußen—Österreich, der das 19. Jahrhundert überschattete und zugunsten Preußens entschieden wurde, ist nur eine „Teillösung" gewesen. Das Bismarckreich wurde das zentrale Erlebnis für zwei Generationen; vom Endergebnis der Reichsgründung zurück wurde die deutsche Geschichte gesehen und gewertet, und die Folge war eine merkwürdige Schrumpfung des deutschen Nationalbewußtseins in diesem Kernstaat. Der nationalliberale Bürger, der das Bismarckreich zwar nicht geschaffen hatte, es aber wirtschaftlich und geistig trug, setzte sich kurzerhand mit der Nation gleich. Das Volk verschwand hinter dem Staat und hinter dem ihn tragenden Teil der Staatsbürgerschaft. Ullmann weist nun darauf hin, daß die neue Konzeption vom Volke und nicht vom Nationalstaat nach westlichem Muster ausgeht. Sie setzt ein völlig neues Geschichtsbewußtsein in der Nation voraus, ein Geschichtsbewußtsein, das sich auf die Gesamtanschauung des deutschen Volkes gründet, sowohl nach der räumlichen Ausdehnung wie nach der sozialen Mächtigkeit, und das neben der Geschichte des Kernstaates und, neben der Geschichte seiner Vorbereitung die ganze deutsche Volksgeschichte 559