Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Die Bibel als Erzähler
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 536 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mariin Buber: Die Bibel als Erzähler erster Mensch der Bibel Gott spontan anredet; erst danach und darum wird er (20, 7) als der erste „Künder", d.i. vertreterische Sprecher zwischen Oben und Unten beglaubigt, der zu hitpallel, zu intervenieren, sich einzusetzen, zu mittein (sekundär hat das der Rechtssphäre entstammende Wort die allgemeine Bedeutung „beten" erlangt) vermag. Und nun entspinnt sich jener seltsame Dialog, den Wellhausen für eine späte „Wucherung" hält. Es geht letztlich um die Frage, ob ein schuldloser Menschenkreis (unter die Zahl der traditionellen kleinsten kollektiven Einheit, die Zehn, geht der Fürbitter nicht hinaus) es Gott nicht sozusagen möglich machen könne, der schuldhaften Gemeinschaft, in deren Mitte dieser Kreis lebt, ihre Schuld zu „tragen"; auf diese Frage wird Gott vom Menschen die bejahende Antwort abgerungen. Die Schuldlosen werden als zaddikim, Bewährte, bezeichnet; siebenmal steht das Wort da, in dem sich jenes zedaka nun gleichsam entfaltet4); nachdem die sakrale Zahl voll ist, wird es in den nachfolgenden fünf Antworten und vier Fragen vermieden. Die erste Frage aber schließt mit dem Spruch, dem an einfaltig kühner Verdichtung auch imHiobsbuch nichts gleichkommt: „Aller Erde Richter, soll der nicht Recht tun?" Recht: mischpat. Unverkennbar ist dem merkenden Leser die paronomastische Anknüpfung an jenes erste mischpat. Hier ist keine Wucherung, sondern organischer erzählerischer Zusammenhang. Abraham hat das Selbstgespräch Gottes nicht gehört, er spielt nicht darauf an, aber der Erzähler hält das Leitwort fest und läßt es jetzt so wiedererscheinen, daß wir, von der Bindung der beiden Stellen aneinander ergriffen, die sich umkehrende Bewegung wahrnehmen: dort Gott dem Menschen Recht gebietend, hier der Mensch, „Staub und Asche", von Gott Recht fordernd. Aber es scheint mir, der Erzähler wisse in der Stille, daß auch diese Rede, wenn sie sich vollendet hat und der Mensch „an seinen Ort" kehrt (V. 33), in Wahrheit eine Rede Gottes an den Menschen gewesen ist. Man könnte einwenden, dem biblischen Erzähler werde von mir ein allzu „rationales" Verfahren zugeschrieben. Aber alle echte Epik, wie alle echte Struktur überhaupt, ist in diesem Sinn rational, d. h. sie ordnet und formt das Elementare unter einem Gestaltgesetz der Vernunft. Es kommt einzig darauf an, in wessen Dienst die Vernunft steht. Oder, mit anderem Wort, ob es die wirkliche, die vernehmende ist. *) Das Adjektiv, das vorher nur auf Noach angewandt war, kommt in Genesis nur noch einmal, in der ersten Erzählung, die auf die Sodomsgeschichte folgt, vor: wo der Philisterkönig, wie in einem schwächeren Nachhall des Abrahamwortes, Gott fragt (20, 4), ob er einen schuldlosen Stamm umbringen wolle. 536