Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Die Bibel als Erzähler
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 531 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Bibel als Erzähler übersteigbaren Gipfel der religiösen Erzählung, biographisch und genealogisch noch zu berichten ist. Der erste Offenbarungsvorgang — eher eine Kundgebung als eine Offenbarung im genauen Sinn zu nennen, denn Gott gibt Abram noch nicht sich selbst zu erfahren (er will ihm erst das Land „zu sehen geben", dort erst wird er selber, V. 7, sich ihm „zu sehen geben"), nur seinen Willen —, Herausholung des Menschen aus seinem natürlichen Zusammenhang, Ruf zur Lösung der Bindungen an Heimat, Verwandtschaft, Vaterhaus, und der letzte, Herausholung des Menschen aus der irdischen Befriedung seiner Seele, Ruf zur äußersten Hingabe, der des Sohns, des Einzigen, des Geliebten, des Verheißenen und Geschenkten, sind von der Komposition der Erzählung aufeinander bezogen, als einander entsprechend wie Beginn und Vollendung. Das kompositionelle Mittel dazu sind die Leitworte. „Geh vor dich hin", sagt die Stimme des noch Unbekannten in Charan und schickt den Erwählten in das ihm zugedachte Land, und „geh vor dich hin", sagt am Ende der Wanderschaften der vertraute Gott zu seinem Diener, ihn „probend", um auch noch die innerste, nicht anders zu verleibende Bereitschaft aus seinem Herzen in die Welt zu stellen. „Geh vor dich hin" — nirgends sonst im Pentateuch als an diesen zwei Stellen lesen wir die eigentümliche, wörtlich mit „Geh dir" wiederzugebende Wendung. Und sogleich danach erfahren wir an beiden Stellen, was mit „vor dich hin" gemeint ist: „in das Land das ich dich sehen lassen werde", heißt es das eine, „auf einen der Berge den ich dir ansagen werde", das andere Mal; vor sich hin gehen heißt in der gegebenen oder angegebenen Richtung drauf los gehen, bis Einhalt geschieht. Ohne Frage, ohne Bedenken folgt dort und hier auf die Gottesrede der Vollzug; dort unmittelbar danach, hier nach den paar vorbereitenden Handlungen steht das Verb wajelech: „und Abram ging", „und er ging". Aber ein drittes Leitwort noch schlägt einen Bogen von erster zu letzter Probe. Die Anrufung zu Charan mündet in einer fünffachen Wiederholung des Wortstamms „segnen": Verheißung des Segens, verbunden mit dem Gebot an den Stammvater und durch ihn an den Stamm, „ein Segen" zu werden (einem Gebot, an das Künderspruche wie Jes. 19, 24 und Sach. 8, 13 mahnend und tröstend anzuknüpfen scheinen). Die Anrufung zu Beerscheba enthält kein Wort von Segen, nur die reine, freilich als Bitte („nimm doch"), nicht als Befehl geäußerte Forderung; aber die nach der Ablösung des Opfers an Abram ergehende Endrede des „Boten" segnet ihn in dreifacher Wiederkehr des Wortstamms, und wie dort „mit dir werden sich segnen alle Sippen des Bodens", so heißt es nun: „segnen sollen einander mit deinem Samen alle Stämme der Erde". Es ist der Beachtung wert, daß in der Abrahamsgeschichte noch einmal, und zwar zwischen den beiden Vorgängen (18, 18), das Gotteswort von 531