Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Ein Roman der Rückkehr [Rezension]
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 516 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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sehen als die Hauptperson selber. Psychologisch ist deren Entwicklung, aus jugendlichem Überschwang geboren, gemischt aus Reinigungs- und Anbetungsbedürfnis — bei allen richtig gesehenen Reaktionen gegen die fremde Welt der Orthodoxie — durchaus konsequent, aber es fehlt diesem jugendlichen Helden die Breite und Nahrhaftigkeit des Lebens, die Morgenstern aus der Liebe seines Herzens seinen ostjüdischen Brüdern geben konnte. Der Sohn des verlorenen Sohnes, dessen Umkehr uns noch kein echtes und beständiges, wirklich gereiftes Zurück und Vorwärts gefunden zu haben scheint, ist ein sehr menschliches, warmherziges und aufrichtiges Buch. Es klassisch zu nennen (laut Ankündigung) ist unklug und verantwortungslos, denn das bedeutet ein Verwischen der Grenzen und ein Verrücken der Maßstäbe, des Maßes, nach dem dieses Buch künstlerisch und menschüch das erste ernstzunehmende große Prosawerk eines Juden in deutscher Sprache ist, der mit sicherem Instinkt für die Probleme, für das, was ausgesprochen werden muß, ein gewiß es Fazit einer 1933 akut gewordenen geistigen Erschütterung formuliert hat. Susi Bing Heine? Fehlt! Dieser kurze Dialog soll beileibe nicht so mißverstanden werden, als ob etwa der Geist unserer Zeit, dieser imaginäre Volksschullehrer, unser Klassenzimmer betritt, unsere Vorzugsschüler aufruft und von uns die Antwort zu hören bekommt, daß Heinrich Heine hier fehlt, ohne einen halbwegs glaubhaften Entschuldigungszettel eingereicht zu haben. Nein, unser Vorzugsschüler Heine fehlt nicht, er geht sogar immer noch in den Schularbeiten fast aller unserer lyrischen und feuilietonistischen Mitschüler um, er hat nicht einmal da Halt gemacht in seiner posthumen Wirksamkeit, wo die deutsche Sprache aufhört und etwa die jiddische anfangen möchte, man bekommt ihn in mehr oder weniger schlechten und wohlausgestatteten Ausgaben und Auswahlen in jeder jüdischen Buchhandlung billiger zu kaufen als seine talentlosesten Nachtreter, und doch fehlt Heine. Er ist vor genau 80 Jahren gestorben, und doch beschämt auch heute noch seine Popularität den Tod. Aber, offen gestanden, es ist eine zweifelhafte Popularität. Das Beliebteste an Heines Lyrik ist wohl die Musik dazu von Schubert und Schumann, die seine Quecksilbrigkeit in der engen Röhre des Fieberthermometers traurig traulicher Gefühlsseligkeit regelmäßig auf und ab steigen ließ, und von seinem Denken und Trachten sind eigentlich die Mißverständnisse seiner Gegner, Gönner, Neider und Entschuldiger das Populärste. Wenn Heine das Heinebild von heute zu seinem achtzigsten Todestage geschenkt bekäme, würde er wahrscheinlich ausrufen: Wer ist dieser Bursche? Und vielleicht würde er sich wundern, welch geringe Rolle er bei aller Popularität doch jetzt im Leben der deutschen Juden spielt. Wir sprechen so viel von Haltung und so we- 516