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Der Morgen · 1936-02-01 · Heft 11 (Februar 1936) · p. 515

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 11 (Februar 1936)
Article
Ein Roman der Rückkehr [Rezension]
Date
1936-02-01
Page
515 (sequence 2)
Language
German
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Chancen für ein solches Buch, wenn es gut und spannend ist, sind groß. Es trifft trotz mancher, im Ganzen freilich unzulänglicher Versuche auf ein Vakuum. Die Fabel vom Sohn des verlorenen (getauften) Sohnes eines tief religiösen gesetzestreuen Ostjuden ist die einer Rückkehr, einer Umkehr. Ein getaufter jüdischer Student, dem seine jüdisch-unjüdische Existenz fragwürdig und unwürdig erscheint, glaubt den Rückweg zu einem bewußten jude-sein nicht anders finden zu können als durch einen Schritt zurück, in die bäuerliche Vorkriegswelt der in unerschütterter jüdischer Tradition lebenden Familie seines verstorbenen „verlorenen" Vaters. Da kaum anzunehmen ist, daß diese Lösung — die in ihrer Radikalität für den jugendlichen Schwärmer absolut echt ist — so allgemein verbindlich ist, daß sie für den Widerhall, den das Buch gefunden hat, verantwortlich zu machen wäre, so wird es weniger die Antwort sein als die Frage, die so „ins Schwarze getroffen hat". Das allgemeine Bedürfnis nach einer Revision der jüdischen Existenz, das bei dem größten Teil der europäischen (sicher aber bei den deutschsprechenden) Juden vorauszusetzen ist, wird von Morgenstern aus der Unruhe des allgemeinen Gefühls und aus dem Dickicht der theoretischen und propagandistischen Betrachtung in die Helle einer wirklich künstlerischen Formulierung gehoben. Der Kern des Buches liegt inhaltlich wie gemüts- und wirkungsmäßig darin, daß das Fragwürdige, als Frage, in einer chassidischen Legende schön und gültig so ausgedrückt ist: „Du kommst mir so vor wie jener jüdische Waisenknabe aus der chassidischen Legende, der, von einem christlichen Gutsherrn an Kindesstatt angenommen, in Glück und Freude aufwächst, in kindlicher Ahnung nur von seinen jüdischen Eltern und ihrem Glauben. Eines Tages sieht er Juden aus allen Dörfern der Umgebung zur Stadt ziehen. Es ist die Woche vor den Furchtbaren Tagen, und eine fremde feierliche Eile, eine inbrünstige Bereitschaft ist um diese fahrenden Dorfjuden. Der Knabe läuft ihnen nach und fragt: „Wohin fahrt Ihr? Was ist das Euch für eine Zeit?" Der Rang des Buches ist dadurch bestimmt, daß in ihm eine leichte und begabte Hand in schöner epischer Breite und Fülle geschaffenen Bildes von jüdischem Leben und von Juden wirkt. Daß sich gewisse Teile des Romans, in denen mit unzulänglichen Mitteln versucht wird, das betriebsam leerlaufende Wiener Leben zwischen 1920 und 1930 mit Abstand und ironischer Kälte zu beschreiben, von den wirklich gestalteten Partien des Buches so deutlich abheben, beweist gerade, daß Morgenstern ein bildender Künstler sein kann, der da versagt, wo offenbar seine innere Anteilnahme schwindet. Mit dichterischem Glanz hat er die Welt der podolischen bäurischen „Kaftanjuden", die den Inhalt des ersten und schönsten, des künstlerisch reichsten und reifsten Buches bildet, gestaltet. Der knorrig-knurrige Oberverwalter Jankel, der „Goi" unter den Orthodoxen, und die Haushälterin Pesje, die jeder Freude erst ihren Platz in der Welt anweist, indem sie sie mit den abschließenden Worten zur Kenntnis nimmt: „Weh ist mir", sind viel ursprünglicher und kräftiger ge- 515

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