Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Von den Aufgaben der jüdischen Gegenwartskunde
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 514 (sequence 3)
- Language
- German
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tionalen Heimstätte in Palästina spricht. Wie wichtig solche Feinheiten sind, haben gerade die Juden schon zu wiederholten Malen am eigenen Leibe erfahren, z. B. auf dem Wiener Kongreß, wo durch die Vertauschung der Wörtchen „in" und „von" mit einem Federstrich in soundsovielen Staaten die gewährte Emanzipation beseitigt wurde. Leider taucht auch bei Wischnitz er wieder der Vergleich des Flächenmaßes von West-Palästina mit dem dichtbevölkerten Belgien auf, womit offenbar angedeutet werden soll, daß Palästina noch in verstärktem Maße aufnahmefähig für Bewohner sei. Hierzu wäre zu bemerken, daß für Rentneransiedlung auch in dem dichtbevölkerten Belgien noch unabsehbar Raum wäre; die Dichte der Besiedlung hängt aber eben nicht nur von dem Oberflächenmaß eines Territoriums ab, sondern auch von Rohstoffvorkommen, Verkehrslage und dergleichen mehr. Aber kehren wir zu den grundsätzlichen Gesichtspunkten der Betrachtung zurück. Wischnitzer will die tröstliche Gewißheit lehren, daß wir nicht so allein und verlassen sind, „wie uns das in Augenblicken jäher Schicksalswendungen scheinen mag". Als Leser gestehen wir, daß die Schilderung mancher fremdartig anmutender versprengten Teile der Judenheit in Wischnitzers Buch uns angezogen hat. Im ganzen aber hat seine Darstellung in uns mehr ein elegisches Gefühl denn Trost und Aufrichtung hinterlassen. Wanderung, neues Atemschöpfen, erneuter Aufbruch,— ein „Weg ohne Ende". Sind angesichts dieses Schicksals ohne gleichen, das auf uns ruht, andere Richtpunkte denkbar als das Land unserer Herkunft, dessen Verfassung uns als Gruppe „kraft Rechts, und nicht aus Duldung" anerkennt, oder der Gott unserer Väter, der uns am Sinai die Wahl gab, mit ihm einen Bund zu schließen, in den jeder Neugeborene von uns neu aufgenommen wird? Davon ist bei Wischnitzer nicht die Rede. Die Judenfrage ist nicht als philanthropisches Transportunternehmen zu lösen, sondern, wie wir meinen, nur auf Grund geistiger Besinnung. Und in diesem Belang muß Wischnitzers Beitrag enttäuschen. Wir halten uns zu diesem Urteil berechtigt angesichts des Beitrags, den der „Morgen" selbst unlängst zum Problem des „Judentums in der Welt" geliefert hat. Hanns Reissner. Ein Roman der Ruckkehr Im Erich Reiß-Verlag ist ein neuer jüdischer Roman erschienen: „Der Sohn des verlorenen Sohnes" von Sorna Morgenstern. Er hat beim Publikum und in der Presse einen außergewöhnlichen Erfolg. Da es der Erfolg eines ernsthaften und ernstgemeinten Werkes ist, kann er nicht ernst genug genommen und darf als eine zu dem Buch gehörende Sache bei seiner Beurteiteilung nicht übersehen werden. Es ist heute außerordentlich wichtig, daß ein jüdisches Buch ein Echo hat. Es kommt nicht so sehr auf ein „klassisches" Werk an als auf ein Buch, das in direktem oder indirektem Bezug auf die heutige innere Situation der jüngeren europäischen Judengeneration geschrieben ist. Die 514