Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Von den Aufgaben der jüdischen Gegenwartskunde
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 513 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895550-2905728--08610-2905795- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wir haben ein Buch anzuzeigen, dem gegenüber, trotz weitgehender Zustimmung, die an solchen Grundsätzen orientierte Kritik nicht schweigen darf. Es ist Mark Wischnitz e r s „Die Juden in der Welt" (Erich Reiss Verlag, Berlin 1935). Die Arbeit, zu der Wischnitzer als geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Hilfsvereins der Juden in Deutschland wie kein zweiter geeignet ist, kommt einem Bedürfnis entgegen, dessen Dringlichkeit unter den Gegenwartsaufgaben jüdischen geistigen Schaffens ihresgleichen sucht. Die Juden in Deutschland brauchen Anschluß an die Inhalte geistiger Überlieferung, an die Geschichte ihrer Gemeinschaft, an die Stammesgenossen in der Welt. Sie suchen nach neuem Lebensraum. Sie erleben, wie Wischnitzer es in seiner sehr durchdachten kurzen Einleitung ausdrückt, an ihrem Teil die „durch immer wieder erfahrene Enttäuschungen maßlos gesteigerte Sehnsucht nach Heimat", nach seelischer, wie wir hinzufügen möchten, nicht minder als räumlicher. Wischnitzer hat sich auch die Aufgabe gestellt, zu raten bzw. abzuraten, nämlich denen unter uns, die an Auswanderung denken müssen und sich nach einem Lande iumsehen, wo sie mit ihren Erfahrungen hoffen dürfen, eine neue Existenz zu begründen. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt ganz in der historischen und tatsächlichen Schilderung; sie ist zum Teil, besonders in den Kapiteln über Osteuropa, für die der Verfasser aus reichen Lebens- und Arbeitserfahrungen schöpft, oder über die Tschechoslovakei, wo eine systematische Vorarbeit vorliegt, sehr aufschlußreich und gelungen. Zum Teil allerdings sind Ungenauigkeiten und Schiefheiten festzustellen, die in späteren Auflagen berichtigt werden sollten. Wer an die ausgezeichneten Korrespondenzblätter denkt, die gerade der Hilfsverein zu diesem Thema laufend veröffentlicht, wird Wischnitzer keinen Vorwurf machen, daß er an den Schluß der verschiedenen Länderkapitel dieses Buch nur je eine kurze Bemerkung über die Möglichkeit für Auswanderer heftete: das Studium der Korrespondenzblätter sollen diese Hinweise eben nicht ersetzen. Sie geben dem Unterrichtungsbedürfnis des Lesers nur einen allerersten Hinweis, ob es geraten sein kann oder als aussichtslos gelten muß, das eine oder andere Land mit in den Kreis der Prüfung einzubeziehen. Über der Frühgeschichte liegt vielfach ein in den Tatsachen nicht begründeter gegenstandsloser Schimmer; so, wenn Wischnitzer von der mehr oder weniger innigen Berührung von Juden mit Ägypten in der vorkanaanäischen Zeit (?) spricht, wobei er „den Aufenthalt Israels in der Erzväterzeit und den späteren Exodus nicht berühren" will. Im Kapitel Cypern wird mitgeteilt, daß die Regenverhältnisse etwa der Gegend von Beisan in Palästina entsprechen, ebenso die Bodenbeschaffenheit. Was soll der Leser mit dieser Angabe beginnen? Wird doch Beisan nicht einmal im Kapitel Palästina selbst erwähnt. Die staatsrechtlichen Formulierungen sind teilweise ungenau; die Balfour-Deklaration erklärt, nach Wischnitzer, Palästina zur jüdischen Heimstätte, während sie in Wirklichkeit nur von der Errichtung einer jüdischen na- 513