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Der Morgen · 1936-02-01 · Heft 11 (Februar 1936) · p. 512

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 11 (Februar 1936)
Article
Presseschau : Die Stellung des Geistes und die seelischen Erbwerte / h. c.
Date
1936-02-01
Page
512 (sequence 2)
Language
German
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ten und neuen Philosophien liegen. Die Warnung aber, die Gertrud Bäumer ausspricht, bezieht sich darauf, daß die Linie der seelisch-geistigen Erbfolge eines Volkes nicht verdunkelt werden dürfe. Sie ist dieser Gefahr mehr ausgesetzt als die sicht- und meßbare Linie der biologischen Generationenfolge. Wichtig aber für die Lebensgestaltung sind die geistig-seelischen Erbwerte, und zwar sowohl die sachlichen wie die persönlichen, jene Substanz an seelischer Kultur, die da ist, ehe noch eine Selbstbildung und Wahl auf vorhandene Wertungen erfolgt, jener Grad an seelischer Kultur, der die Grundbegriffe von Pflicht, Ehre, Treue, Gewissenhaftigkeit, Rücksicht, eben alles das ausmache, was etwa in dem englischen Worte fair — einer Kulturschöpfung von seelisch-geistigem Erbwert ersten Ranges — enthalten ist. Das Gefühl für die Kostbarkeit solcher Werte ist heute unsicher geworden und wird leicht an sich selbst irre: „Die geistig-seelische Erblinie hat es nötig, wieder ganz anders belichtet zu werden, damit nicht die Meinung entstehe, daß die Erbpflege mit der Aufstellung von Ahnentafeln und der Reinhaltung des Blutes erledigt sei. Die geistig-seelische Wesensart eines Volkes, seine eigentliche geschichtliche Kraft, erneuert sich nicht von selbst aus seinem Blut; sie entsteht in der Übermittlung der Werte, deren lebengestaltende und lebenüberwindende Kraft von Generationen erfahren worden ist. Der Erbschat/, in Dichtung, Musik oder bildender Kunst... trägt die tiefsten Ergriffenheiten eines Volkes durch die Zeiten, hält die Augenblicke fest, in denen das Leben am größten und bewegtesten erschien — und das Brauchtum sorgt dafür, daß diese Augenblicke immer wieder im Alltag aufleuchten. Denn das ist ja im Grunde der Sinn aller Sitte, den Alltag zu weihen aus dem Bestände jener tieferen Erfahrung, die nicht von jedem Individuum gemacht werden kann, deren Kostbarkeit aber die edelste Ahnung der Geschlechter zu erkennen vermag. Darum ist der weitaus größte und vor allem festeste Teil allen Brauchtums religiöser Natur. Wer es verletzt, erschüttert oder beirrt, beseitigt nicht Meinungen, die durch andere ersetzt werden können, sondern zerstört ein wesentliches Organ des seelischen Lebens eines Volkes, das nicht ersetzt werden kann. Wenn das Gefühl für die Verletzlichkeit dieser Dinge abstumpft, ist es mit der seelischen Kultur eines Volkes zu Ende." h. c. Von den Aufgaben der jüdischen Gegenwartskunde Die gleiche erhöhte Verantwortung, die gegenüber dem neu erwachten Interesse für jüdisches Kunstschaffen einer aufbauenden Kunstkritik zufällt, besteht auch für die Beurteilung der jüdischen Gegenwartskunde. Gerade weil die Selbstgenügsamkeit mancher Ausübender und die Lobesbereitschaft gewisser Fürsprecher auf beiden Gebieten in schroffem Gegensatz zu den wirklichen Möglichkeiten und Forderungen der Stunde stehen, sollte man sich mit mancher vorschnellen Behandlung der Modethemen nicht zufrieden geben. 512

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