Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Die Araberfrage
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 505 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jefim Schirmann: Betrachtungen über neuhebräische Dichtung sern Anspruch auf Aufnahme in diesen Bund der nächsten Verwandten anzumelden. Was wir heute dazu tun können? Die Frage ist heute noch nicht zu beantworten. Der einander kreuzenden und überschneidenden Linien in der Politik des Orients und Palästinas sind zu viele, um ein auch nur eine kurze Zeitspanne überdauerndes Programm festzulegen. Auf alle Fälle aber muß alles darangesetzt werden, die beiden Völker einander zu nähern, das Verständnis ihrer Eigenarten zu klären, sozusagen Rechavia näher an Nablus zu bringen, immer wieder von der Regierung zu verlangen, daß in den arabischen Schulen auch Hebräisch und in den jüdischen auch Arabisch gelehrt werde, und immer wieder dem arabischen Arbeiter zu einem menschenwürdigen Leben zu verhelfen. Ist einmal der Lohnstandard des Fellachen der gleiche wie der des Juden, dann stößt die arabische Propaganda nicht mehr auf derart aufnahmefähigen Boden, denn mit der Erhöhung des wirtschaftlichen Niveaus erhöht sich auch die Volksbildung. (Überdies hört damit auch die Möglichkeit für den jüdischen Pflanzer auf, jüdische Arbeit durch billige nichtjüdische zu ersetzen.) Palästina kann nicht so jüdisch wie England englisch werden (und war es ja auch nie), schon deshalb nicht, weil es in England nur Engländer, in Palästina aber nicht nur Juden gibt. Jefim Schirmann: Betrachtungen über neuhebräisdie Dichtung Nicht von der Poesie der Bibel soll hier die Rede sein. Sicherlich ist die Heilige Schrift das bedeutendste Werk, das die Menschheit dem Genius des jüdischen Volkes zu verdanken hat; seine poetischen Bestandteile sind schon längst in die Weltliteratur eingegangen und haben das Schaffen der großen Dichter aller Nationen beeinflußt. Daneben gibt es jedoch noch ein anderes poetisches Schrifttum in hebräischer Sprache. Es umfaßt eine Periode von nicht viel weniger als 2000 Jahren; seine Anfänge verlieren sich in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, seine weitere Entwicklung führt in ununterbrochener Folge bis zur Gegenwart. Bei manchen Forschern führt es den nicht geraden prägnanten, aber doch brauchbaren Namen „Neuhebräische Dichtung". Man muß sich aber darüber klar sein, daß die Gegenüberstellung von „alt"- und „neu"-hebräischer Poesie nicht etwa unter sprachlichen Gesichtspunkten erfolgen darf: der Unterschied zwischen Alt- und Neuhebräisch ist weit geringer als etwa der zwischen Alt- und Neuhochdeutsch. Die Eigenexistenz einer neuhebräischen Poesie 505