Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-02-01 · Heft 11 (Februar 1936) · p. 501

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 11 (Februar 1936)
Article
Die Araberfrage
Date
1936-02-01
Page
501 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895550-2905724--08591-2905783
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Die Araberfrage all diesen von außen kommenden Gärungselementen gesellen sich innerpalästinensische Bevvegungstendenzen mehr lokaler Art, die sich, abgesehen von internen Verschiebungen innerhalb der arabischen Parteien, seit den letzten 15 Jahren wenig geändert haben. Noch immer ist die arabische innere Politik diktiert vom Gegensatz der beiden großen Familien Husseini und Naschaschibi; sie hat sich nur insofern geändert, als die Beziehungen dieser Familien zu den miteinander rivalisierenden Herrscherhäusern von Transjordanien und von Saudije sich geradezu umdrehten. Die Naschaschibis verloren den Bürgermeisterposten von Jerusalem und wurden dadurch zu verstärkter politischer Aktivität nach zwei Richtungen hin getrieben: zu stärkerer Betonung der antizionistischen Parole, um im Kampf gegen den Mufti — der der Familie Husseini entstammt — nicht an Boden zu verlieren, und zu einer Annäherung an die Engländer, die ihnen einflußreiche Stellungen (etwa im künftigen Parlament) sichern kann. Was neben diesen beiden Familienparteien existiert, ist als konstruktiver Faktor der arabischen Politik geringer zu werten und dient nur ihrer Radikalisierung. So sind die Istiklalisten und besonders die Jugendgruppen von Nablus und Tulkarm, die „Revisionisten" des arabischen Parteiengemengsels, von einer Stoßkraft, die zu unterschätzen durchaus nicht angezeigt ist. Sie verhindern ein Sichzurruhesetzen der arabischen Führer, von denen mancher sich nach einem derartigen Augenblick sehnt. Sie in erster Linie haben auch den Tod des Scheichs El Kasim im Kampf gegen die Polizei zu einem Märtyrertod propagandistisch ausgewertet Dieser Vorfall der letzten Zeit ist symptomatisch für eine bestimmte Haltung. Dieser Geistliche aus Haifa, ein Mann von über 60 Jahren, verkaufte gleich den andern Mitgliedern seiner Bande den Schmuck seiner Frau, um Waffen zu erwerben, proklamierte auf eigene Faust Krieg gegen England und gegen die Juden, betete mit seinen Leuten in den Bergen bei Tag und las bei Nacht mit ihnen den Koran, und in den Zwischenpausen wurde gemordet. Er war einer der konzessionslosen Outsider, wie ihn jede unruhige Zeit hervorbringt, die bereit sind, das zweischneidige Schwert eines Selbstopfers auf sich zu nehmen, das entweder zu einem wegweisenden und entflammenden Märtyrertod oder zur Pressesensation eines Augenblicks führt. Nun hat die arabische Jugend zwar dafür gesorgt, daß dieser sicherlich ehrliche Terrorist in die Geschichte seines Volkes eingeht. Aber dieser Komitatschi hat, im Übermaß ekstatischen Opferwillens, den psychologischen Moment verkannt. Wie im Jahr 1929 war die Folge des Appells an die Waffen nur ein Gemetzel, ein sinnloser Tod von so und so vielen Menschen, und nicht das Aufstehen eines neuen Mahdi, der in machtvollem Krieg die arabische Sache gegen England verträte. 1929 wie 1935 mußte der Versuch rasch in Blut ersticken, weil eine politische Konstellation, die 501

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.